Stille deine Sehnsucht

Märchen Makeover - Gewinnergeschichte 8

Pearl und John – Ein Kleinstadtkrimi

Inspektor Schwan schnippte den Rest seiner Zigaretten weg, bevor er langsam den geliebten Rauch aus seinen Lungen entließ. Die Sonne stand hoch und brannte zu stark für einen Septembertag, dachte er sich, während er sich mit dem Handrücken über die Stirn fuhr und die schwarzen Strähnen zur Seite strich. Langsam löste er seinen Blick von dem Zigarettenstummel und ließ seine graugrünen Augen zu dem weißen Haus auf der gegenüberliegenden Seite schweifen. „Warum sind wir hier?“, fragte er schließlich mit rauer Stimme. Sergeant Videri zuckte ungewollt zusammen.

„Herr Werder, ein besorgte Lehrer hat uns angerufen“, begann der jüngere, während er in seinem Notizblock noch einmal die wichtigsten Fakten heraussuchte, „weil er die Kinder der Familie Materior schon seit einer Woche nicht gesehen hatte. Die achtjährige Pearl und der zehnjährige John sind einfach nicht mehr in den Unterricht gekommen.“ Inspektor Schwan konnte sich ein Schnauben, als er die Namen der Kinder hörte, nicht verkneifen. Pearl… Wissen die Eltern denn nicht, was sie ihren Kindern damit antun, dachte er, doch er sagte nichts dergleichen. Stattdessen ließ er seine Augen langsam zu dem jüngeren Mann gleiten, der in seinem schwarzen Anzug so völlig fehl am Platz aussah.
„Ich nehme an, dass dies das Haus der Eltern ist?“ Er nickte zur gegenüberliegenden Straßenseite. Das Haus war riesig, eine weiße Villa umzäunt von einem schwarzen Zaun. Apfelbäume säumten den Weg zur Tür.
„Ja, Sir.“
„Dann lass uns gehen.“ Schwan stützt sich von dem Auto ab, an dem er zuvor gelehnt hatte. Der Kieselsteine unter ihren Füßen knirschten als sie den Parkplatz verließen. Eigentlich müsste er gar nicht mehr am aktiven Straßendienst teilnehmen. Er hatte ein Büro, dass ihm im Laufe der Zeit immer mehr gefiel, aber sobald Kinder involviert waren, musste er selber mit raus. Mit Kindern war es immer etwas anderes. Sie waren unschuldige Opfer der Gesellschaft. Schwan seufzte grimmig, als er die Klingel betätigte. Sofort hörten die beiden Polizisten eilige Schritte, gefolgt von dem Umdrehen eines Schlüssels im Schlüsselloch bis sich die Tür öffnete und eine junge Frau Anfang zwanzig ihnen die Türe öffnete.
„Was kann ich für Sie tun?“
„Ich bin Inspektor Schwan und das ist mein Kollege Sergeant Videri, wir möchten uns gerne nach den Kindern Pearl und John erkundigen“, sagte er, bemüht die junge Frau nicht gleich zu verschrecken. Doch das freundliche Lächeln erreichte seine Augen nicht.
„Bitte folgen Sie mir“, sie knickste höflich und ließ die Herren eintreten. „Frau und Herr Materior befinden sich im Speisesaal. Ich werde sie für Sie holen. Bitte warten Sie doch hier.“ Die zierliche Frau zeigte nach links. Schwan bedankte sich und setzte sich auf das schwarze Ledersofa, welches sich in der Mitte des Raumes befand. Videri zog es vor zu stehen und streunte lautlos durch den Raum. Links und rechts standen schwarze Regale an weißen Wänden, die einen riesigen Flachbildschirm umsäumten. Teure Bücher und Vasen zeigten ihre Pracht wie Märzenbecher im Frühling.
„Was kann ich für Sie tun?“ Eine eisige Frauenstimme durchschnitt die Luft wie eine scharfe Klinge. „Frau Materior nehme ich an? Ich bin Inspektor Schwan. Wir würden uns gerne nach ihren Kindern erkunden?“
„Unsere Kinder? Wieso denn das?“, sie verschränkte ihre dünnen Arme von der Brust, die frisch manikürten Fingernägel krallten sich unbewusst in ihre Haut. Schwan ignorierte die Frage, da ein Schatten an der Tür seine Aufmerksamkeit erregte.
„Herr Materior, wollen Sie nicht dazukommen?“, forderte die tiefe Baritonstimme auf. Videri hatte sich unauffällig hinter den Mann gestellt und schob ihn leicht in den Raum hinein. Von nahem konnte er sehen, dass der Mann längst nicht so gut gekleidet war, wie seine Frau. Zwar trug er einen Anzug, doch die Knöpfe an seinem Jackett waren lose, einer fehlte komplett.
„Also“, Schwan richtete sich auf. Seine breiten Schultern und sein wettergegerbtes Gesicht ließen ihn beinahe gefährlich erscheinen, „wo sind Ihre Kinder?“ Schlagartig änderte sich die Stimmung. Eisige Kälte wandelte sich in brodelnde Ungewissheit. Lügen schwebten im Raum. Dessen war sich Inspektor Schwan sicher.
„Weg“, brach Herr Materior die Stille, unfähig dabei jemanden in die Augen zu sehen. „Sie sind weg. Schon seit einer Woche und wir wissen nicht wohin.“ Schwan spürte wie in ihm eine unangenehme Hitze aufstieg. Sein Blick veränderte sich, seine Hände ballten sich ungewollt zu Fäusten als er auf Herr Materior zuging, bis sie nur noch eine Nasenspitze voneinander entfernt standen. „Und Sie haben es nicht für notwendig gehalten, die Polizei zu informieren?“, grollte er. Ein Zucken durchfuhr seinen Körper. Nur das leise „Schwan“, gezischt von seinem Kollegen, erinnerte ihn an seine Position.
„Doch. Wir haben einen Privatermittler engagiert. Aber bis jetzt gibt es keine Spur von ihnen, nicht wahr, Schatz?“, unsicher schaute der Mann zu seiner Frau.
„Nein, keine Spur“, wiederholte sie kalt, „Woher wissen Sie überhaupt, dass unsere Kinder verschwunden sind?“
„Unsere Informanten dürfen wir nicht verraten“, sagte er galant, doch Schwan misstraute der Frau. Irgendetwas an ihr war falsch. Er konnte nur noch nicht den Finger darauflegen.
„Zeigen Sie uns bitte, die Zimmer Ihrer Kinder“, sagte er stattdessen. Er brauchte Zeit, um sich im Haus umzuschauen. Zeit, um den Nebel aus Lügen zu beseitigen. Während Inspektor Schwan den Eltern in die obere Etage folgte, blieb Videri unbemerkt zurück. Es war einer seiner Stärken sich beinahe mit seiner Umwelt zu verschmelzen bis man fast vergaß, dass er überhaupt da war. Schnell nutzte er die Zeit, um sich umzusehen.
„Herr Videri?“, flüsterte eine schüchterne Stimme. Überrascht zuckte der Sergeant zusammen, bevor er sich umdrehte und die junge Frau von der Tür vor sich sah.
„Was kann ich für Sie tun?“
„Ich möchte mit Ihnen über die Familie reden. Ich… Ich mache mir Sorgen um die Kinder und ich denke, ich weiß, was hier los ist.“ Die Augen des Sergeants weiteten sich. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Sie müssen wissen, dass Pearl und John nicht die leiblichen Kinder von Frau Materori sind. Sie ist ihre Stiefmutter und von Anfang an herrschte Zwist zwischen den Kindern und ihr. Sie dürfen nicht vergessen, dass Frau Materori eine reiche, mächtige Frau ist, gegen die sich Herr Materori nie durch-setzen kann. Ich weiß gar nicht, warum die beiden überhaupt zusammen sind. Er war ein einfacher Förster, sie die Tochter eines reichen Kongressabgeordneten. Immer wieder unterstellte sie den Kin-dern, dass sie ihr Geld klauen würden und dass sie ihre wertvollen Vasen mit Absicht zerstören würden, doch das stimmt nicht. Die beiden waren immer sehr liebe Kinder.“ Die junge Frau atmete hörbar ein. Ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie fortfuhr.
„Eines Abends habe ich dann gehört, wie Frau Materori mit jemandem telefoniert hatte. Ich habe nicht viel verstanden. Nur irgendetwas von der Lebstraße. Aber ich weiß, dass an diesem Abend die Kinder das erste Mal verschwunden waren.“
„Was meinen Sie mit: ‚das erste Mal‘?“
„Ich meine, dass die Kinder noch einmal hier waren, bevor sie komplett verschwanden. Das komische ist, dass ich an diesem Tag viele Kieselsteine im Foyer als auch auf dem Weg zum Haus fand. Ich dachte mir nichts dabei, aber wenn ich jetzt noch einmal genauer nachdenke, fand ich einen Tag eine ähnliche Spur von Brotkrümeln. Diese habe ich aber gleich am Morgen, bevor Frau Materori es sehen und mich fürchterlich ausschimpfen konnte, entfernt.“ Videri schloss für einen Moment die Augen. Sein Herz, angetrieben von wildem Adrenalin, pochte schnell in seiner Brust.
„Warum haben Sie nichts gesagt?“, brachte er schließlich hervor. In diesem Moment sah er die Tränen in ihren Augenwinkeln glitzern.
„Ich hatte Angst“, flüsterte sie mit belegter Stimme. Ein Hauch Scham schwang ungewollt mit, „Angst meine Arbeit zu verlieren. Ich brauche das Geld. Ich… ich habe selbst eine zweijährige Tochter. Ich durfte mich da nicht einmischen.“
„Verdammt, es geht hier um Kinderleben! Verstehen Sie das nicht?“, Videri fuhr sich angespannt durch seine Haare. Er hatte noch nicht genügend Erfahrung auf diesem Gebiet. Er brauchte Hilfe. Er brauchte… „Schwan“, stieß er erleichtert aus, als er den Inspektor am unteren Treppenrand entdeckte, „Wir müssen reden. Draußen am besten.“ Der Inspektor verstand sofort und begleitete seinen jungen
Kollegen nach draußen. Als sie das Auto erreichten, wusste Schwan bereits Bescheid. „Dann lass uns in die Lebstraße fahren. Sofort. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren.“ Videri nickte und klemmte sich hinter das Steuer. Die Lebstraße lag ein wenig außerhalb des Stadtzentrums. Bei dem Verkehr bräuchten sie ungefähr eine Viertelstunde. War eine Viertelstunde vielleicht schon zu lange? Sie wussten nicht, was sie erwarten sollten. Sie wussten nur, dass sie den Kindern helfen mussten. Die Reifen quietschten, als sie um die Kurve fuhren. Von weitem konnten sie endlich die Lebstraße sehen, doch was sich vor ihren Augen abspielte, ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren. Qualmender Rauch, angetrieben von hungrigen Flammen, stieg schwarz nach oben. Das Haus brannte lichterloh. Schwan und Videri waren entsetzt. Als der Wagen endlich zum Stehen kam, rannten sie zum Gebäude. Feuerwehrwagen blockierten die Straße und Männer in Uniformen versuchten das Haus zu löschen. Beim näheren Hinsehen konnte Schwan erkennen, dass vor allem die obere Etage brannte, die Flammen sich aber auch langsam nach unten fraßen.

„Ist noch jemand im Haus?“, fragte er den erstbesten Feuerwehrmann. Sein eigener Atem ging schnell. Die Hitze des Tages und die unerträgliche Angst nahmen ihm die Luft.
„Das Haus steht schon seit Jahren leer. Da ist niemand. Keine Sorge.“ Schwans Herz setzte für einen Moment aus.
„Wir müssen sofort hinein. Höchstwahrscheinlich befinden sich noch zwei Kinder in dem Haus.“ Dieser Satz löste einen Tumult aus, der schwer in Worte zu fassen war. Mehrere Feuerwehrmänner machten sich auf und gingen hinein. Minuten vergingen ohne dass jemand zurückkam. Als die Zeit erbarmungslos voranschritt schaute Schwan immer wieder zu dem Einsatzleiter, dessen Gesicht selbst vor Anspannung stark gezeichnet war.
„Da kommt jemand“, schrie eine Stimme. Unzählige Augenpaare verfolgten das Geschehen, als zwei Feuerwehrmänner die beiden vermissten Kinder heraustrugen.
„Es ist alles okay“, sagte der Mann außer Atem, als er das Kind ablegte. Der zweite Tat es ihm gleich und endlich konnte auch Schwan die Kinder betrachten. Schwarzgefärbt vom Ruß schauten sie mit weitaufgerissenen Augen zu den Männern. Stumme Tränen bahnten sich ihren Weg und hinterließen eine graue Spur der Vergangenheit auf ihren Wangen. Die gequälten Kinderkörper husten zu hören, brach Schwan fasst sein Herz. Langsam streckte er seine Hand aus und streichelte dem Mädchen über den Kopf.
„Sie hatte ihn eingesperrt. In einem Käfig. Ich konnte ihn nicht aufmachen. Ich konnte ihm nicht helfen.“, sprach das Mädchen leise.
„Psst, es ist alles gut. Ihr seid in Sicherheit.“ Schwan kniete sich zu Pearl, damit sie auf Augenhöhe waren. Eine Weile schwiegen beide bis ein Wispern die Stille durchbrach.
„Sie ist tot, oder?“
„Wer?“
„Die Frau, die uns gefangen gehalten hat. Mama hat sie angerufen. Sie sollte auf uns aufpassen, aber ich weiß, dass sie uns töten wollte.“ Schwan schluckte.
„Ja, sie ist tot. Ihr müsst keine Angst mehr haben. Ich passe auf euch auf.“ Er lächelte dem Mädchen zu und ließ die Sanitäter arbeiten. „Aber zuerst muss ich noch etwas erledigen. Wir sehen uns dann im Krankenhaus. Versprochen.“
Schwan wandte sich ab. Videris aschfahles Gesicht spiegelte seine eigenen Gedanken wider, doch er durfte sich jetzt nicht von seinen Emotionen leiten lassen.
„Komm, wir wissen beide, was jetzt zu tun ist“, sagte er grimmig und setzte sich dieses Mal selbst hinter das Steuer. Als er aufs Gas trat, war der Brand längst gelöscht. Im Rückspiegel sahen die Männer das letzte Mal das Haus, das nun brach hinter ihnen lag. Durch den kleinen Spiegel wirkte es verzerrt, beinahe wie ein zerbrochenes Lebkuchenhaus.

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