Stille deine Sehnsucht

Märchen Makeover - Gewinnergeschichte 5

Mary & Mary

Mary seufzte leise, als sie ihre Kusine dabei beobachtete, wie sie in die Kamera lächelte und ein weiteres YouTube-Video aufnahm. Doch ihre Kusine hatte sie wohl dennoch gehört, denn sie schnauzte sie auf einmal an.

„Was soll das, du blöde Kuh? Hast du keine Wäsche zu bügeln?“ Ihre Augen funkelten böse. „Mom!" Mary hat schon wieder mein Bewerbungsvideo ruiniert! Und dieses Mal war einfach alles perfekt!“
„Mary, du undankbares Gör! Geh an deine Arbeit und lass Marianna in Ruhe!“ hörte Mary die Stimme ihrer Tante aus dem Nebenzimmer. „Du weißt, dass das Video entscheidend dafür ist, dass Marianna vom Fernsehen als Kandidatin für ‚Next Top Fashion Designer‘ ausgewählt wird.“

Natürlich wusste Mary das. Es war schließlich das einzige, worüber ihre Tante und ihre Kusine in letzter Zeit noch redeten. Eigentlich sollte sie dankbar dafür sein, dass ihre Tante sie bei sich aufgenommen hatte, nachdem ihre Eltern bei einem Autounfall verunglückt warten, aber in Momenten wie diesen fiel es Mary immer schwer. Denn weder ihre Tante noch ihre Kusine waren besonders liebevoll und behandelten sie eher wie ein Dienstmädchen. Ohne ein weiteres Wort ging Mary in das Wäschezimmer und begann den Berg Wäsche zu bügeln. Während sie ihre Arbeit verrichtete, dachte sie darüber nach, warum sie sich mit ihrer Kusine so gar nicht verstand. Eigentlich hatten sie doch so viel gemeinsam. Sie teilten denselben Vornamen – ihre Kusine hatte erst vor kurzen angefangen sich ‚Marianna‘ zu nennen, weil ihrer Meinung nach ‚Mary‘ zu gewöhnlich für eine angehende Top-Designerin war. Und außerdem liebten beide das Nähen. Vielleicht sollte sich Mary ebenfalls als Kandidatin für die Reality-Show ‚Next Top Fashion Designer‘ bewerben. Sie müsste nur ein Video drehen und ein paar der Kleider, die sie genäht hatte, für eine Bewerbung zusammenstellen. Aber erstens bewerben sich so viele Kandidaten bei der Show und zweitens würde ihre Tante sie wohl hochkant aus dem Haus werfen, sollte sie so offensichtlich und dreist in Konkurrenz mit ihrer geliebten Tochter treten. Das konnte sich Mary nicht leisten; sie war zumindest solange auf ihre Tante angewiesen, bis sie ihren Schulabschluss in der Tasche hat. Während Mary so vor sich hin grübelte, übersah sie leider, dass sie gerade eine feine Seidenbluse bügelte und ihr Bügeleisen noch auf Baumwolle eingestellt war. Erst als ein leicht verbrannter Geruch in ihre Nase stieg, sah sie erschrocken auf das Stück Stoff auf dem Bügelbrett, das nun einen großen, braunen Fleck vorwies. Schnell versteckte sie die Bluse in ihrer Umhängetasche, bügelte den Rest der Wäsche und meldete sich bei ihrer Tante ab. Mary hatte keine Ahnung, ob und wie sie die Bluse retten konnte, aber sie hatte eine Idee. Die Tochter ihrer Nachbarin Mrs. Weather war zu Besuch und soviel Mary wusste, hatte sie eine Reinigung oder so etwas ähnliches; sie war eine Expertin für Stoffe und deren Pflege. Wenn jemand wusste, ob man die Bluse retten konnte, dann war es sicherlich die junge Mrs. Weather. Mary klingelte an der Tür, die ihr von Mrs. Weather geöffnet wurde, die sich über ihren Besuch wie immer freute und sie sofort auf eine Tasse Kaffee hinein bat. Innen traf Mary sogar gleich auf die Tochter und schüchtern brachte sie ihr Anliegen vor. Mrs. White – so hieß die Tochter, wie Mary erfuhr – musterte Mary mit wachen Augen.

„Ja, vielleicht habe ich eine Idee, wie ich dir helfen kann. Aber zuerst muss ich ein paar Apfelkuchen und Brote für eine Wohltätigkeitsveranstaltung backen. Vielleicht kannst du mir ja dabei helfen?“
„Natürlich, gerne!“

Und so kam es, dass Mary zwei Körbe voller Äpfel schälte, Teig knetete und Brotlaibe formte. Es war ganz schön anstrengend und sie wischte sich verstohlen den Schweiß von der Stirn, da es durch den Backofen auch sehr heiß in der Küche geworden war. Mrs. White hatte sich nach den ersten Anweisungen aus der Küche entfernt, um sich um ihre Mutter zu kümmern, und Mary mit der ganzen Arbeit alleine gelassen. Jeder andere wäre darüber wohl erbost gewesen, aber Mary half gerne. Schließlich sah Mrs. Weather ihre Tochter, die in New York wohnte, nur selten und genoss sicherlich jede Minute, die sie mit ihr verbringen konnte. Nachdem Mary die ganze Arbeit erledigt hatte, war es schon spät und Mrs. White sagte, dass sie heute Mary nicht mehr helfen könne. Aber wenn Mary morgen noch mal vorbei käme und sie bei der Hausarbeit unterstütze, dann würde sie Mary bei dem Blusendilemma behilflich sein. Und so kam es, dass Mary eine ganze Woche lang jeden Tag in der Wohnung von Mrs. Weather auf Anweisung von Mrs. White den Haushalt schmiss, kochte, buk und putzte. Mary flickte gerade einen ausgerissenen Rocksaum, der ihr beim Bügeln aufgefallen war, als Mrs. White neben sie trat und sie lobte.

„Du stellst dich geschickt mit der Nadel an, Mary.“
„Oh, danke!“ Mary errötete leicht und lächelte. „Aber das hier ist eigentlich gar nichts. Meine Mutter hat mir das Nähen beigebracht, wissen Sie? Ich nähe alle meine Sommerkleider selbst.“
„Wirklich?“ Mrs. White blickte sie an. „Ich habe dich bisher immer nur in Jeans und T-Shirt gesehen. Ich würde gerne mal ein paar der Kleider sehen, die du angefertigt hast.“
„Oh, ich weiß nicht. Sie sind nichts Besonderes, wirklich nicht. Aber mir macht das Nähen eben Spaß, wenn der Stoff so durch die Finger gleitet und wie man durch eine Raffung hier und einen Abnäher dort ein gekauftes Kleid doch verändern kann – das ist einfach faszinierend.“
„Keine Widerrede, Kindchen. Hol deine Kleider, ich will sie wirklich gerne sehen.“

Und das tat Mary. Mrs. White betrachtete die Kleider wohlwollend. Unvermittelt stand sie auf und ging in ihr Zimmer und kam mit einem Koffer voll der edelsten Stoffe, die Mary je gesehen hatte,
hinaus.

„Es tut mir leid, aber die verbrannte Bluse ist nicht mehr zu retten“, teilte Mrs.

White ihr mit. „Hier, Kindchen, dieser Seidenstoff ist von der Farbe her so ähnlich wie die Bluse, die du durch das Bügeleisen ruiniert hast. Du kannst ihn haben, wenn du selbst daraus eine Bluse nähst. Meinst du, du kriegst das hin?“
Mit großen Augen starrte Mary sie an. „Doch, ich glaube schon. Aber… ich meine… darf ich wirklich diesen Stoff haben? Der muss doch unglaublich teuer sein!“
„Ich denke, du hast ihn dir mehr als verdient“, erwiderte Mrs. White lächelnd.

Und so nähte in den nächsten zwei Tagen Mary eine perfekte Kopie des Schnitts von der Bluse ihrer Tante. Mrs. White begutachtete das Ergebnis und nickte anerkennend.

„Gut gemacht. Weißt du was? Ich glaube, ich brauche deine Hilfe nicht länger. Aber ich weiß, dass du mir weitaus mehr geholfen hast, als ich hätte verlangen dürfen, daher schenke ich dir den ganzen
Koffer meiner Stoffe. Aber bitte zeige mir, was du daraus nähst.“

Mary versprach dies, bedankte sich überschwänglich und brachte die Stoffe nach Hause. Doch es waren so viele, dass sie dies nicht vor ihrer Tante und ihrer Kusine geheim halten konnte, die natürlich sofort wissen wollten, woher sie diese Stoffe hatte. Darum erzählte Mary ihnen, wie sie die Seidenbluse beim Bügeln verbrannt hatte, wie sie Mrs. White um Rat gefragt hatte und gab ihrer Tante den von ihr selbst genähten Ersatz Marianna war neidisch auf die Stoffe und wollte diese natürlich selbst gerne haben, aber Tante Beatrice hatte eine bessere Idee: Marianna sollte ebenfalls Mrs. White um Rat bei einem Kleidungsstück fragen, dann würde diese ihr sicherlich auch anbieten, dieses selbst neu zu nähen und ihr einen edlen Stoff zur Verfügung stellen. Und wenn Mrs. White dann sehe, um wie viel begabter Marianna sei, würde sie ihr sicherlich noch viel schönere Stoffe schenken, die Marianna dann für selbstgenähte Kleidungsstücke für ihre Bewerbung bei ‚Next Top Fashion Designer‘ verwenden könnte. Und so kam es, dass Marianna absichtlich eines ihrer geliebten Designerkleider einriss und bei Mrs. Weather klingelte und nach Mrs. White fragte. Mrs. White bat Marianna ebenfalls um Hilfe im Haushalt, was Marianna natürlich gar nicht passte und sie erledigte ihre Aufgaben nur halbherzig. Sie ließ die Brote anbrennen, wischte nur oberflächlich Staub und war die ganze Zeit missmutig und übel gelaunt. Nach zwei Tagen reichte es Marianna und sie fragte Mrs. White direkt danach, ob sie nun ebenfalls endlich mal einen Stoff zum Nachnähen des ruinierten Designerkleides bekäme. Mrs. White erwiderte darauf nichts und ging mit ihrer Mutter spazieren. Neugierig nutzte Marianna die Chance, alleine in der Wohnung zu sein, und betrat unerlaubterweise das Zimmer, welches Mrs. White bewohnte. Sie fand dort einen großen Koffer, doch als sie diesen öffnete, befanden sich darin nicht edle Stoffe. Nein, darin waren die feinsten und neuesten Designerkleider von ‚Miss Holly‘ – alle in Mariannas Größe! Und ganz oben lag eine identische Kopie ihres Kleides, welches Marianna für die Chance auf geschenkte Stoffe geopfert hatte.
Da es ihr Lieblingskleid war und da Marianna der Ansicht war, dass sie sich dieses Kleid mehr als verdient hatte, nahm sie es an sich. Es klackte etwas gegen ihr Bein und sie sah eine Plastikkapsel, die sich am Kleid befand. Diese kann man ja leicht entfernen, dachte Marianna und machte sich in der Küche mit einem Messer an die Arbeit. Sie dachte nicht daran, dass es eine Diebstahlsicherung sein könnte, und sie schrie erschrocken auf, als die Farbkapsel zwischen ihren Fingern explodierte. Das Kleid, ihre Hände, ihre Kleidung, ja, sogar ihr Gesicht und ihre blonden Haare hatten knallrote Farbspritzer abbekommen. So sehr sie auch schrubbte, die Farbe ließ sich nicht entfernen. Und während Marianna noch im Bad stand und verzweifelt versuch die Farbe auszuwaschen, kam Mrs. White nach Hause und erkannte mit einem Blick, was passiert war. Wütend schickte sie Marianna fort und sagte ihr, dass sie nie mehr wiederkommen brauche. Marianna war sich keinerlei Schuld bewusst und heulte sich bei ihrer Mutter die Augen aus. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als mit Farbflecken an Gesicht und Händen ihr Bewerbungsvideo zu drehen. Denn auch nach fünf Tagen waren die Kleckse immer noch deutlich sichtbar.

Was weder Marianna noch ihre Mutter und Mary wussten: Mrs. White war keine einfache Besitzerin einer Reinigung. Nein, sie war die weltbekannte Designerin hinter dem angesagten New Yorker Label ‚Miss Holly‘ und außerdem das neueste Jury-Mitglied bei ‚Next Top Fashion Designer‘. Und in der neuen Staffel der Sendung durfte jedes Jury-Mitglied einen eigenen Kandidaten oder eine eigene Kandidatin direkt in die Show einziehen lassen. So kam es, dass nicht Marianna, sondern Mary als Kandidatin bei ‚Next Top Fashion Designer‘ mitmachte. Wie sich herausstellte, hatte Mrs. Weather ihrer Tochter von den Nähkünsten Marys erzählt und diese hatte sie ihrer eigenen Prüfung unterzogen, um zu sehen, ob Mary eine geeignete, bodenständige und vor allen Dingen talentierte Kandidatin sei. Mary war es. Tatsächlich hat sie sogar den Titel als ‚Next Top Fashion Designer‘ geholt und einen Vertrag in New York gewonnen, wo sie nun exklusive Designerkleider für die Fashion Week entwerfen konnte. Doch Mary ist nicht nachtragend gewesen und hat ihre Tante und Kusine ebenfalls mit nach New York genommen – schließlich sind die beiden ihre Familie und hatten Mary nach dem Tode ihrer Eltern bei sich aufgenommen. Tante Beatrice und Marianna waren so dankbar, dass sie endlich netter zu Mary wurden und Mary sogar ihrer Kusine angeboten hat, ein Praktikum bei ihr zu absolvieren. So wurden die beiden Marys doch noch Freundinnen, gründeten zwei Jahre später als Partnerinnen das Label ‚Mary & Mary‘ und eroberten die Fashion-Welt im Sturm.

ENDE

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