Stille deine Sehnsucht

Märchen Makeover - Gewinnergeschichte 9

Hana im Schnee

 

von Lilly Geißler

Das warme, klare Wasser durchnässte meine Haare, lief mir übers Gesicht und den Rest des Körpers, bis es letztendlich im Abfluss verschwand. Die Dusche tat gut, fast fühlte es sich an, als würden all die Sorgen, all der Dreck des Tages mit dem Wasser verschwinden. Doch das taten sie natürlich nicht. Salzige Tränen mischten sich unter. Plötzlich schien meine Haut zu brennen, fast als liefe flüssiges Feuer über mein Gesicht. Ich konnte es immer noch nicht fassen. Nach all den Jahren in Amerika sollten wir wirklich zurück nach Japan ziehen. Ein wildfremdes Land! Es war unschwer zu erkennen, dass ich eigentlich asiatischer Abstammung war, langes schwarzes Haar, schmale Augen in einem schmalen Gesicht, doch meine eigentliche Heimat war mir fremd. Zwar hatte ich die ersten zwei Jahre meines Lebens im Land der aufgehenden Sonne verbracht, doch die Erinnerung war so fern, wie der Inselstaat selbst. Seitdem waren wir stets unterwegs, zogen stets um – fast erschien es mir, als wäre mein Vater auf der Flucht vor irgendetwas, doch ich wusste nicht vor was. Meine Mutter kannte ich nicht, angeblich war sie gestorben, noch bevor ich sie wirklich kennenlernen konnte. In meiner Welt war so weit nie etwas gleich geblieben, ich konnte nie irgendwo Fuß fassen. Obwohl es traurig war, kam ich ganz gut damit klar, immerhin war ich es nie anders gewohnt. Die letzten zwei Jahre hingegen waren ruhiger geworden, friedvoller. Wir hatten sie an ein und demselben Ort verbracht, ich war auf ein und dieselbe Schule gegangen und hatte einige wenige Freundschaften aufbauen können. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Fast schon, hatte ich mich daran gewöhnt, hatte mir nächtelang ausgemalt endlich ein normales Leben zu führen, wie jede andere Fünfzehnjährige auch. Doch anscheinend hatte ich mich zu früh gefreut. Ein Schluchzen zerriss die wohltuende Stille um mich herum – Mein Schluchzen. Ich öffnete die Dusche und griff nach einem Handtuch, um das Wasser zu trocknen – Das Wasser und die Tränen. Auf einmal fühlte ich mich müde, müder als vorher. Es war, als würde alles zurückkommen. Schnell schlüpfte ich in ein bequemes Paar Hosen und streifte mir einen einfachen schwarzen Hoodie über.

Barfuß schlich ich ins Wohnzimmer und ließ mich auf die Couch fallen. Mein bleiches Gesicht spiegelte sich im matten Glas des Fernsehers. Irgendwie war es erschreckend: Blasse, fast durchsichtige Haut – Ich sah seltsam aus, anders. Hektisch wühlte ich nach der Fernbedienung, ich musste mich jetzt ablenken. Genau in dem Moment, als ich sie ergriff, ging die Türe auf. Mein Vater kam mit Yuki, seiner Freundin herein. Anfangs hatte er nie eine, war immer irgendwie … treu geblieben – Meiner Mutter oder einfach seiner Kultur, was weiß ich … Doch dann kamen einige On – Off – Beziehungen, nie irgendetwas Festes. Vielleicht hatte es mich deswegen nicht gestört. Doch Yuki schien tatsächlich zu bleiben. Der Fakt, dass sie schon seit einigen Monaten mit uns zusammen wohnte und demnach auch mit uns zurückziehen würde, bestärkte mich in der Annahme. Am Anfang hatte ich sie gemocht, wirklich. Auch ihre Wurzeln lagen in Asien und sie schien mir immer sehr heimatverbunden. Immer hatte sie mir Geschichten erzählt, Legenden und Märchen, die ich irgendwie immer faszinierend fand. Außerdem war sie wunderhübsch, fast schon, als wäre sie nicht von dieser Welt. Ihr Haar fiel gleichmäßig über ihre Schultern und rahmte ihr schmales Gesicht mit den hervorstechenden roten Lippen perfekt ein. Doch inzwischen missfiel mir der Gedanke ein neues Leben mit ihr anzufangen immer mehr. Lächelnd kam sie auf mich zu. „Abend …“, murmelte ich. Ich wollte jetzt nicht mit ihr reden, noch weniger als sonst. Davon ließ sie sich jedoch nicht abbringen. Yuki setzte sich neben mich auf die Couch, ihr Lächeln schien von Sekunde zu Sekunde breiter zu werden. Auch mein Vater schien ihre unergründliche Freude zu teilen. „Was willst du?“, fragte ich schließlich. „Minokichi? Willst du es ihr sagen?“ Was sagen? Ich ahnte Schlimmes. Verwirrt wanderte mein Blick zwischen beiden hin und her. „Ich weiß, wie sehr dir der Umzug zusetzt und noch zusetzten wird“, begann er zögerlich, „Deswegen wollten wir mit dir noch eine Art Familienwochenende verbringen.“ „Wir fahren morgen mit dir in die Berge, weißt du, wir haben eine kleine Hütte gemietet. Das Wetter ist schön, wir haben sogar Schnee. Du kannst also Skifahren und wir können einen Schneemann bauen.“ Schneemann, du mich auch. Erwartungsvolles Schweigen hüllte uns ein. „Was sagst du?“ „Ich …“ … hasse dich, hasse Japan und hasse eure verdammte Idee.“Warum nicht?“ Ein gezwungenes Lächeln umspielte meine Lippen. Okay, eigentlich hasste ich diese Idee, doch ich wollte meinen Vater nicht enttäuschen. Außerdem: Was hätte es mit gebracht zu widersprechen? Keiner der beiden wäre von der Idee auch nur wenige Millimeter abgerückt. „Sehr schön!“ Yukis Lächeln wurde noch breiter – jetzt verschlang es sogar fast ihr gesamtes Gesicht. Auch mein Vater erschien mir sichtlich erleichtert. „Sonst noch was?“ „Na ja, du solltest vielleicht packen.“, schlug Yuki in diesem über die Maßen freundlichen Ton vor. „Wenn du meinst …“, murmelte ich. Viel zu packen gab es nicht mehr. Die meisten Gegenstände waren bereits sicher verpackt oder nach Tokio verschifft worden. Trotzdem schien mir jede Ausrede recht, den stechenden Blicken der Beiden zu entkommen. Also rappelte ich mich auf und verschwand in meinem Zimmer und schmiss die Tür hinter mir zu. „Glaubst du wirklich, sie findet die Idee gut?“, wandte sich Yuki an Minokichi.

Sowie die Tür hinter mir ins Schloss fiel ließ ich mich auf mein Bett fallen. Was hatte ich mir gerade eingehandelt? Ein ganzes Wochenende eingesperrt mit Yuki in einer einsamen Hütte mitten im Wald? Das war eine dermaßen dumme Idee gewesen … Ich stöhnte laut auf. Aber was nützte es sich jetzt zu beschweren? Es war zu spät – Und immerhin: Es waren nur zwei Tage. Vielleicht würden sie mir sogar helfen mich auf mein neues Leben vorzubereiten. Also erhob ich mich und zog einen Koffer unter meinem Bett hervor, in den ich achtlos einige der letzten Klamotten warf, die sich noch in meinem Schrank befanden. Zum Schluss legte ich noch meinen Zeichenblock und einige Bleistifte oben drauf. Fertig. Ich zog den Reißverschluss zu und schob den Koffer zur Seite. Endlich konnte ich unter die Bettdecke schlüpfen, die mich mit ihrer Wärme und Geborgenheit liebkoste, konnte in das süße Reich des Schlafes übertreten. Mit einem herzhaften Gähnen verabschiedete ich mich von der Realität.

Sanft legte mein Vater mir die Hand auf die Schulter und rüttelte etwas, um mich aufzuwecken. „Hana“, flüsterte er, „Hana, wach auf! Yuki wartet bereits im Auto!“ Ich stöhnte etwas, zog die Bettdecke enger um mich und drehte mich dann zur Wand. „Hana, wir wollen los.“ Ach ja. Los. Müde drehte ich mich wieder um und richtete mich auf. Der Schlaf saß mir noch immer tief in den Gliedern und machte mich unbeweglich. Gähnend räkelte ich mich, bevor ich endlich die Beine aus dem Bett schwang. „Na endlich! Beeil' dich doch bitte etwas! Wir warten im Auto.“ Mit diesen Worten und meinem unsauber gepackten Koffer in der Hand verließ er das Zimmer. Also gut. Schlaftrunken torkelte ich zum Kleiderschrank und zog Unterwäsche, sowie meine letzte frische Jeans, welche noch nicht in irgendeinem Umzugskarton verschwunden war. Außerdem streifte ich mir ein frisches T – Shirt und eine warme Strickjacke über. Es sollte kalt werden. Unter meinem Fenster hupte jemand. Bestimmt mein Vater, ich sollte ihn ja nicht allzu lange warten lassen. Also huschte ich ins Bad und fuhr mir mit der Bürste mehrmals durchs Haar, bis ich mit dem Ergebnis halbwegs zufrieden war. Dasselbe galt für meine Lider, etwas Eyeliner und ich war fertig. Ich hatte es nie anders gemacht, trotzdem kam ich mir heute anders vor. Irgendwie farblos. Meine Haut schien blasser, als sonst, meine Augen dunkler. Alles in allem blickte mich ein auf schwarz und weiß reduziertes Gesicht aus der trüben Scheibe an. Vielleicht sollte ich etwas ändern? Mir einen Pony schneiden lassen? Oder bunten Lidschatten? Von einem plötzlichen Tatendrang übermannt begann ich in meiner Kulturtasche zu wühlen. „Hana?“, vernahm ich plötzlich Yukis Stimme aus dem Flur, „Kommst du jetzt bitte? Wir wollen los, bevor der Schneefall einsetzt.“ Schnell ließ ich die Dosen und Tiegelchen wieder zurückfallen. „Ich komme schon!“ Vor der Tür wartete Yuki bereits und trommelte nervös gegen den Türrahmen. „Ich dachte, du würdest schon den Wagen starten“, murmelte ich, nicht erfreut, sie zu sehen. „Dein Vater hat mich hoch geschickt.“ Sie lächelte. „Du siehst gut aus.“ „Danke.“ Ich schaute sie schräg an. „Du … auch.“ Ein gequältes Lächeln huschte auch über mein Gesicht. Schweigen gingen wir vor die Tür und stiegen ins Auto. Mein Vater trommelte bereits ungeduldig auf das Lenkrad. „Endlich.“ „Ach komm schon, du weißt doch, wie das mit uns Mädels ist. Wir brauchen eben etwas länger“, scherzte Yuki zwinkernd. „Uns Mädels“ Du mich auch. „Hast du wenigstens alles?“ „Klar …“, nuschelte ich, obwohl ich mir dabei nicht ganz sicher war. Yuki bot mir sogleich an auch das ein oder andere mit mir zu teilen, was ich jedoch gekünstelt höflich ablehnte. „Können wir dann? Ich weiß nicht, wie oft ich es noch sagen soll, aber ich wäre gerne schneller, als der Schnee.“ Wir waren nicht schneller, als der Schnee. Solange wir auf den Hauptstraßen fuhren ging alles, nur einzelne Flocken legten sich auf die Windschutzscheibe, doch sobald wir auf den ersten Feldweg eingebogen waren, ging das Schneegestöber los. Immer mehr weiße Kristalle wirbelten um uns herum und schon bald konnte keiner mehr den Weg vor uns erkennen. Überall nur weiß. Trotzdem biss mein Vater sich durch, wer fuhr weiter, hinein ins nichts. Doch irgendwann drückte auch er auf die Bremse. „Es geht nicht weiter.“ Neugierig reckte ich die Nase nach oben und öffnete das Fenster. Sofort stob eine eisige Windböe hinein und trug mehrere tanzende Flocken in mein Gesicht. Ich genoss es. Die Kälte war seltsam erfrischend. „Mach das Fenster zu!“ „Schon gut!“ Sofort kurbelte ich die Scheibe wieder hoch. „Was machen wir jetzt?“ „Der Sturm ist zu dicht, um weiterzufahren“, bemerkte Yuki vollkommen sachlich, „Obwohl ich glaube, dass die Hütte nicht weit von hier ist.“ „Es wäre gut wenigstens die ungefähre Richtung zu wissen“, versetzte mein Vater, leicht genervt. Er wurde schnell ungeduldig und bekam schlechte Laune, wenn etwas nicht sofort funktioniert. „Ich denke …“ Und die beiden begannen zu streiten. Ich hingegen versank erneut im Leder der Rückbank und starrte aus dem Fenster. Nach einiger Zeit fiel mir etwas auf: Ein dunkler Fleck, der fast mit dem weißen Hintergrund verschwommen war. Ich blinzelte. Einmal, zweimal. Nach dem dritten Mal bin ich mir sicher: „Leute!“ Die beiden Streithähne blicken mich an. „Ich glaube, da ist unsere Hütte!“ Die Blicke der beiden folgen meinem ausgestreckten Finger, gleiten weiter durch das Weiß und heften sich an den Fleck im Gestöber. „Tatsächlich!“, stieß mein Vater aus und drückte erneut aufs Gaspedal. In Konsequenz darauf drehten die Räder durch, quietschten und – blieben letztendlich stehen. „Ganz toll!“ Mein Vater stöhnte genervt auf und schlug aufs Lenkrad. „Wir könnten auch einfach laufen“, schlug ich vorsichtig vor, „Scheint mir nicht weit zu sein.“ „Ich weiß nicht recht … Der Sturm ist ziemlich dicht.“ „Trotzdem: Es wird uns wahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben.“ Sofort riss mein Vater die Autotür auf und wurde von einer weißen Böe begrüßt. „Kommt schon, auf mit euch!“ Also öffnete er auch Yukis Tür und half ihr beim Aussteigen, ich musste mir jedoch selber helfen. Dann wuchteten wir unser Gepäck aus dem Kofferraum und machten uns auf den Weg. Dieser war tatsächlich kürzer als erwartet. Kurzerhand war die Hütte aufgesperrt, der Kamin geschürt und die Koffer ausgepackt. Ich hatte meinen Schlafanzug bereits angezogen und lungerte auf dem Sofa vor dem auf alt getrimmten Kachelofen. Draußen wütete noch immer der Sturm, der kalte Wind peitschte gegen die dünnen Fenster und trieb die tanzenden Schneeflocken dagegen. Seit wir heute Mittag angekommen waren, war er nicht abgeflaut, eher stärker geworden. Deswegen hatten wir uns in der Berghütte verschanzt – Nichts mit Spaziergang oder ähnlichem. Leider hatte ich das ungute Gefühl, dass Yuki die Situation voll ausnutzen würde. Schon seit unserer Ankunft lief sie mit diesem 'Erzähl – mir – was – von – dir – Lächeln“ durch die Gegend. Genau dieses Gespräch wollte ich vermeiden. Doch wie es schien würde mir das diesen Abend nicht gelingen.

„Hey!“ Yuki kam mit meinem Vater an der Hand auf mich zu. Beide setzten sich so aufs Sofa, dass sie mich in die Mitte nahmen. Irritiert blickte ich vom einen zum anderen. „Weißt du noch, als ich dir immer die alten Geschichten aus meinem … unseren Heimatland erzählt habe?“ „Schon“, ich antwortete kurz angebunden, „So lange ist das noch nicht her.“ Die Freundin meines Vaters lachte, glockenhell, und trotzdem von grundauf falsch. „Heute scheint mir ein guter Tag, dir von meiner Lieblingsgeschichte zu erzählen.“ Ich überlegte kurz, ob ich darauf etwas erwidern sollte. Und wenn ich sie nicht hören will? Oder: Deine vielleicht …, erschienen mir ziemlich passend. Doch ich ließ es lieber bleiben, bevor ich mir noch einen Rüffel zuzog. „Also …“, begann sie, die Stimme gesenkt, mit einem mysteriösen Glitzern in den Augen, „Ich erzähle dir die Geschichte der Yuki Onna, der Schneefrau.“ Ich spürte, wie mein Vater neben mir kaum merklich zusammen zuckte. Seine Muskeln wirkten angespannt, plötzlich schien er aufmerksamer also vorher. „Willst du ihr wirklich die Geschichte erzählen?“, hakte er nach und schluckte. „Wieso nicht? Ich finde sie schön. Es war ein Wintertag, nicht unüblich dem heutigen. Er begann strahlend, die Sonne küsste das kleine Dorf und den Wald, der es umgab, liebkoste die Landschaft mit ihren wärmenden Küssen. Etwas Schnee glitzerte in den Wipfeln und verlieh der Szenerie etwas Magisches.“ Sie zwinkerte. „An diesem sonnigen Morgen machten sich zwei Jäger, Vater und Sohn, auf den Weg in den Wald, um zu jagen. Sie mussten ihre Familie versorgen und der Winter war bis dato nicht sonderlich großzügig mit ihnen gewesen. Doch bald wurden die zwei von einem heftigen Schneesturm überrascht. Keiner hatte es erwartet, hatte der Tag doch so gut angefangen. Verzweifelt eilten sie durch den Wald, auf einer Suche nach einem Unterschlupf, denn zwischen den weißen Bergen lauerte bereits der eiskalte Tod auf seine Beute.“ Ich musste zugeben, dass Yuki eine wundervolle Erzählstimme hatte. Sie beruhigte mich, senkte meine Herzfrequenz und entspannte meine müden Glieder und obwohl sie die letzte Person war, mit der ich in einer einsamen Hütte im Wald eingesperrt sein wollte, fühlte ich mich geborgen. Fast hatte ich das Gefühl, Yuki könnte mir etwas geben, ich wusste nicht was, das ich schon seit meiner Geburt vermisste. Ich lehnte mich an, spürte ihren Körper … Und spürte eine seltsame Kälte. Schnell fuhr ich zurück und rückte näher an meinen Vater heran und riss ihn damit aus seiner Trance. „Alles in Ordnung?“ Er wirkte tatsächlich besorgt. „Ja …“, murmelte ich irritiert. „Erzählst du weiter?“ „Gerne. Plötzlich, wie aus dem Nichts, tauchte vor den beiden eine verlassene Berghütte auf. Sie war nicht groß, und bestimmt hatte sich seit vielen, vielen Jahren keiner mehr um sie gekümmert, doch für die beiden Jäger war es die Rettung. Eilig flüchteten sie sich in den sicheren Unterschlupf und warteten auf das Ende des Sturms. Doch dieser wollte und wollte nicht enden und schließlich beschlossen die beiden sich etwas hinzulegen und auszuruhen. Mitten in der Nacht wachte der Sohn jedoch auf. Er sah seinen Vater neben ihm liegen, doch irgendetwas schien nicht mit ihm zu stimmen. Er hatte dem Jungen den Rücken gekehrt und wirkte seltsam steif. Mit zitternden Händen griff er nach der Schulter des Alten und drehte ihn um. Weit aufgerissene Augen starrten ihn an, ein vor Schreck zu einer Maske des Grauens verzogenes Gesicht offenbarte sich dem Sohn. Die Haut des geliebten Vaters hatte sich bläulich verfärbt und glänzte wächsern im schwachen Licht der Kerzen. Sein Vater war erfroren.“ Yukis Stimme war eiskalt und schnitt geradezu durch die Luft. Draußen Peitschte der Sturm gegen die Fenster und verdüsterte die Stimmung noch einmal um ein Vielfaches. Ein Schauer jagte mir über den Rücken. „Hast du dich erschreckt?“ „Nein“, erwiderte ich kleinlaut, fast schon wimmernd. Und forderte dann mit fester Stimme: „Erzähl' weiter!“ „Gut. Seine Augen füllten sich mit salzigen Tränen aus Trauer um den Vater, er vergrub das verzerrte Gesicht in dessen Kleidern und weinte bitterlich. Als er den Kopf erneut hob stand sie da. Eine junge, wunderhübsche Frau, gekleidet ganz in weiß mit langem schwarzen Haar und Haut, so blass, als wäre sie aus feinstem chinesischen Porzellan. Ihre Augen schimmerten in einem stumpfen Schwarz und trotzdem schienen sie einen Jahrhunderte alten Schmerz transportieren. Der Junge hatte bereits Geschichten gehört von einer Frau, einer Hexe, die allein in den Bergen leben würde und Kontrolle über die frostigen Schergen des Winters hätte. War sie es gewesen, die sie hergeführt hatte, war sie es gewesen, die seinen Vater so grausam ermordet hatte? Wie ein eisiger Dolch bohrte sich die Erkenntnis in sein Herz, als die junge Frau langsam näher kam. Gelähmt vor Angst und Hass konnte sich der Sohn nicht bewegen, sich nicht wehren, als sie langsam seine Hand nach seinem bleichen Gesicht ausstreckte und ihn mit ihrer totenkalten Hand berührte.“ „Stopp!“ Als Yuki gerade am Höhepunkt ihrer Geschichte angekommen war, unterbrach mein Vater sie rapide. „Hör auf! Hör auf damit!“ Tränen quollen aus seinen Augen. „Was ist los?“ „Paps, geht es dir nicht gut?“ „Ob es mir nicht gut geht?“ Er schwieg, war wie weggetreten und verbarg das Gesicht mit den Händen. Nach einer gefühlten Ewigkeit antwortete er letztendlich doch auf meine Frage: „Nein. Nein, ich habe sie gesehen.“ „Wen?“ Ich war ganz aufgewühlt, starrte ihn unverständlich an. „Wen gesehen?“ „Die Frau im Schnee! Die Eishexe! Ich … ich kenne diese Geschichte!“ Er schluckte, scheinbar machten ihm die Worte scher zu schaffen. Er schien sie nicht greifen zu können, verschluckte sich daran. „Ich habe sie erlebt. Es ist meine Gesch …“ Sein Mund klappte nach unten, entsetzt starrte er hinter mich. „Paps! Paps, was ist?“ Mein Atem beschleunigte sich, ich versuchte an ihn heranzukommen, doch er schien an einem anderen Ort. Zitternd hob er einen Finger, zu aufgewühlt um noch ein Wort hervorzubringen, und deutete hinter mich. Ich folgte seinem Finger und mein Blick traf Yukis. Sie lächelte. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie die ganze Zeit über ruhig geblieben war, sich nicht gerührt hatte, jetzt saß sie einfach nur da und lächelte. Ein ruhiges Lächeln, ebenso lieblich wie verstörend. Ihre Haare nahmen eine andere Farbe an, wurden silbern, ihre Augen schwarz, wie die Nacht selbst. „Dabei wolltest du es doch keinem sagen, mein Schatz“, sagte sie mit einer Stimme, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Im ersten Moment begriff ich nicht, was um mich herum passierte, wahrscheinlich saß der Schock doch zu tief. „Ich … Ich …“, mein Vater stotterte, seine weit aufgerissenen Augen waren auf die vertraute Fremde gerichtet. „Was?“ Kreischend stand Yuki, das Wesen, das sie geworden war hinter ihm und packte seinen Kopf. Rabiat drehte sie ihn nach oben. „Was?“, fauchte er aufgebracht. „Also warst du es die ganze Zeit …“ Sein Blick senkte sich, obwohl sein Kopf immer noch nach oben gerichtet war. Seine Muskeln entspannten sich – er gab auf! „Nein …“ Tränen bildetet sich in meinen Augen. Meine Finger verkrampften sich und die Nägel bohrten sich in die Hand meines Vaters, die ich fest umklammert hielt. „Du hast gesagt, du erzählst es niemandem!“, kreischte die Furie weiter, „Ein Versprechen solltest du halten, ein einfaches Versprechen!“ Ihre schrille Stimme steigerte sich immer weiter, bohrte sich durch mein Trommelfell und ging mir durch Mark und Bein. „Was war so schwer daran? Ich wusste, euch Menschen ist nicht zu trauen, keinem von euch!“ „Bring es endlich zu Ende!“, krächzte mein Vater unter ihren Händen, „Bring es mit mir zu Ende, wie du es mit ihm zu Ende gebracht hast!“ Der Blick der Hexe richtete sich ruckartig nach unten. Ihre Lippen näherten sich den seinen, näher und näher, und drückten sich auf den anderen Mund. Sie schlang ihre eiskalten Arme um den Geliebten, eine letzte Geste der Zuneigung und gleichzeitig des Hasses. Als der giftige Kuss endlich beendet war und sie die blutroten Lippen voneinander lösten war die Tat vollbracht. Eine zusammengesunkene, blaue Leiche lag in ihren Armen, fast wie in der Geschichte. Nur, dass es mein Vater war, der der Schneefrau zum Opfer gefallen war. Mein Blick heftete sich an den toten Körper, Entsetzten musste aus meiner ganzen Körperhaltung, Mimik und Gestik, sprechen. Langsam glitten meine Augen nach oben bis zum Gesicht. Anders als in der dunklen Legende sprang mich kein Ausdruck der Angst und der Furcht an, stattdessen schien er fast glücklich. Für einen Moment vergaß ich die Gefahr um mich herum, glitt ab, in eine andere Welt. Wie in Trance merkte ich, wie sich mein Körper von selbst bewegt, aufstand und sich auf die Frau in weiß stürzte. Wut und Verzweiflung kochten in mir hoch, gemischt mit brennenden Trauer bildete sich ein explosiver Cocktail in meinem Inneren. „Was hast du getan!?“ Schreiend warf ich mich auf die Mörderin. „Was hast du …“ Sie ergriff meine Hände, hielt sie fest, sodass ich mich kaum noch bewegen konnte. Dann kam sie immer näher an mein Gesicht heran. „Lass mich los! Lass mich gehen!“ Ich schrie, wand mich, trat mit den Beinen, um mich doch die Hexe ließ nicht ab. „Ich hasse dich!“ Ihre Arme umschlossen mich, hielten mich in ihrer eiskalten Umklammerung gefangen. „Lass mich los!“, wimmerte ich immer noch, tränenüberströmt. „Bitte!“ Mein Geist war gebrochen. „Warum? Warum willst du gehen? Warum willst du mich verlassen?“ Sie drückte mir einen Kuss auf die Stirn und auf einmal wurde ich ruhig. Fühlte sich so der Tod an? Die Kälte, die einen langsam in Empfang nahm? Würde ich meinem Vater folgen? „Bitte …“, keuchte ich in einer letzten Auflehnung gegen mein Schicksal. „Warum?“, kam die Antwort erneut zurück, „Warum willst du mich verlassen? Erkennst du nicht deine Mutter?“ Mutter?! Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag ins Gesicht, presste mir alle Luft aus den Lungen, lähmte mich. „Mutter“, würgte ich hervor. Der Schock saß tief. Mein Blick wanderte nach oben, in die Augen der Frau, die nun tatsächlich meine nächste Verwandte sein sollte. „Mutter“, diesmal entwichen die Worte leichter, klangen Ihr Griff lockerte sich und ihr Blick wurde weicher, sogar ein Lächeln huschte über das gemeißelte Gesicht der Schneehexe. „Willkommen zurück, meine verlorene Tochter. Willkommen daheim.“

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