Stille deine Sehnsucht

Märchen Makeover - Gewinnergeschichte 7

Der Computerspieler und seine Freundin

Fred saß, wie so häufig, an seinem Computer und spielte ein neues Spiel. ‚Cupido‘ hieß. Während der Junge gegen Gnome kämpfte und sich mit Kriegern verbündete, glitt sein Blick immer wieder zur Uhr. Er war sich jeder einzelnen Minute schmerzlich bewusst. Morgen würde er eine Grammatikarbeit wiederbekommen. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht zu raten, sondern einfach nur ein leeres Blatt abgegeben. Das bedeutete eine weitere Sechs. Und das wiederum hieß, dass seine Mutter ihn so schnell nicht mehr an den Computer lassen würde. Dabei war es doch nicht seine Schuld, dass er mit Deutsch einfach nicht klarkam. Wozu musste man auch die ganzen Fachbegriffe kennen?
Ärgerlich hämmerte er auf die Tasten und achtete einen Moment lang nicht auf seine Figur.
„Pling“,  erscholl es aus seinem Lautsprecher. Überrascht schaute Fred wieder auf seinen Bildschirm. Es war das innere einer altmodischen Hütte darauf abgebildet. Sie war klein und einfach eingerichtet: Ein Bett, ein Tisch und Regale mit ein paar Büchern, Waffen und anderem Kleinkram; das war alles. In der Mitte stand ein Mann. Er trug goldene Hosen und ein Hemd in der gleichen Farbe. Und auch seine Haut schimmerte als wäre sie von einer dünnen Schicht des Edelmetalls überzogen.
 Fred ließ seine Figur angreifen. Zu seiner Überraschung rannte die Figur weder weg, noch versuchte sie sich zu wehren. „Warte!“, forderte ihn der Mann stattdessen auf. „Bitte, höre mich an!“
Fred wollte nicht warten, aber konnte nichts machen, so lange die Figur redete.
„Wenn du mich gehen lässt, erfülle ich dir einen Wunsch.“
„Ich wünschte du könntest meine Sechs in der Grammatikarbeit, in eine Eins verwandeln.“, murmelte Fred. Auf einmal verschwand die Hütte hinter einem neuen Fenster. Zuerst wollte Fred wie immer bei der Werbung auf das rote Kreuz in der Ecke klicken, doch dieses Mal blieb sein Blick interessiert an der Schrift hängen.  

„Du sitzt ja immer noch Computer!“ Erschrocken drehte Fred sich zur Tür. Dort stand seine Mutter. Sie hatte die Arme verschränkt und sah ihn streng an.
„Ab ins Bett; es ist schon nach zehn und Morgen hast du Schule!“ Fred verkniff sich jeden Protest: Am nächsten Tag würde es genug Streit geben.
„Ja, Mama!“, murmelte er deshalb schicksalsergeben und schloss das Programm. Seine Mutter wartete so lange an der Tür, bis er den Herunterfahren-Button angeklickt hatte und das Brummen des Computers erstarb.

„Sehr schön!“, lobte seine Lehrerin und legte vor Fred eine ausgefüllte Version der letzten Grammatikarbeit auf den Tisch. Es war nicht die, bei der er nichts eingetragen hatte. In der hatte Fred tatsächlich die erwartete Sechs und die ebenfalls erwartete Standpauke, inklusive Computerverbot von seiner Mutter bekommen.
Allerdings hatte seine Lehrerin darauf bestanden, dass er sie wiederholen sollte: Und genau diese Arbeit lag jetzt vor ihm.
Diese Grammatikarbeit war zwei Tage nach der Rückgabe gewesen; und er hatte sie bestanden! Er hatte die volle Punktzahl erreicht.

„Wie hast du das gemacht.“, fragte Jane ihn nach der Stunde.     
„Gar nicht.“, antwortete Fred seiner Freundin. Die schüttelte als Antwort ärgerlich den Kopf, so dass ihre kurzen braunen Locken in ihr Gesicht flogen.
„Lüg doch nicht! So eine Arbeit schreibt sich doch nicht von allein.“
„Naja, geschrieben habe ich sie schon…“ Er versuchte ihr auszuweichen, doch Jane ließ nicht locker. Er konnte es verstehen. Sie schrieb genauso schlechte Arbeiten wie er selbst.
„Das glaubst du mir nie!“, prophezeite er leise. Er wollte nicht, dass seine Mitschüler oder gar einer der Lehrer etwas mitbekam.  
„Sag mir, was los ist!“ Ungeduldig hämmerte sie mit ihren Fingerspitzen auf den Tisch.
Grinsend holte er seinen Taschenrechner aus der Schultasche. „Du willst mir doch nicht ernsthaft sagen, dass du die Grammatik-Wörter errechnet hast, oder?“
„Knapp daneben.“, kommentierte Fred, aber als er sah wie ungeduldig Jane war, erklärte er schnell weiter: „Ich habe letztens ein neuen Spiel gespielt und da…“
„Das ist jetzt aber nichts Neues!“, warf sie gehässig ein.
„Jetzt warte doch mal ab! Beim Spielen hat sich so ein Werbefenster geöffnet: ,Du hast auch schlechte Arbeiten? Du willst auch bessere Noten? Lade dir dieses Programm auf deinen Taschenrechner und du wirst nur noch Klassenbester sein“, stand darin. Ich habe es gemacht und bei der Arbeit einfach nur die Fragen eingetippt. Daraufhin wurden die richtigen Antworten angezeigt und ich musste sie nur noch abschreiben.“
„Seit wann darf man bei Deutscharbeiten Taschenrechner benutzen.“
„Es ist jedenfalls nicht verboten. Und da unsere Lehrerin nicht erwartet hat, dass ich irgendetwas kann, hat sie mich nicht beim ‚sinnlosen Rumtippen‘, wofür sie es vermutlich gehalten hat, gestört.“
„Das ist unmöglich. So viel Speicher hat unser dämlicher Riesen-Taschenrechner nicht und überhaupt…“
„Du musst mir ja nicht glauben!“ Fred war es egal. Er war einfach nur glücklich, dass seine Mutter ihn wieder an den Computer lassen würde, sobald sie seine Arbeit gesehen hatte.
„Natürlich glaube ich dir. Aber du bist so verdammt egoistisch!“
„Was?“
„Du hast nur an dich selbst gedacht, anstatt auch mir dieses Programm zu geben. Ich will auch eine Eins; zum Beispiel in der Chemiearbeit, die wir morgen schreiben.“ Verblüfft starrte Fred sie an. „Ich glaube nicht, dass das gut wäre…“, sagte er ausweichend.
„Und warum nicht!“ Jane wurde langsam rot im Gesicht.
„Naja, auf Dauer fällt es doch auf, wenn wir ständig in unseren Taschenrechnern rumtippen. Ich werde es auch nicht noch einmal machen.“ Der letzte Satz sollte sie besänftigen, aber sein Plan ging nicht auf. Wütend griff sie in ihren Rucksack und wühlte in ihm herum, bis sie ihren Taschenrechner gefunden hatte. Kurzerhand drückte sie ihn Fred in die Hand.
Damit drehte sie sich um und ging. Fred biss sicher unsicher auf die Unterlippe. Er wusste nicht einmal, ob er die Seite mit dem Programm wiederfinden würde.

Seine Mutter kam nicht einmal auf die Idee, er könnte geschummelt haben. Sie strahlte einfach nur, als Fred ihr seine Arbeit und die Note zeigte. Sie war so begeistert, dass sie kein einziges Kommentar dazu abgab, dass er sich sofort nach dem Mittagessen an seinen Computer setzte.
Fred fand die Seite nicht. Er hatte sie sich weder abgespeichert noch den Namen gemerkt und im Verlauf konnte er sie auch nicht finden. Als letzten Versuch startete er das Spiel. Er konnte aber auch die Hütte nicht auf Anhieb wiederfinden. Am Tag zuvor hatte er nicht darauf geachtet, was er gemacht hatte, sondern einfach nur auf die Tasten gehauen. Deshalb war er erleichtert als er die Hütte endlich fand. Es war bereits Abend.
Genau wie beim ersten Mal passierte nichts, bis er die Figur Angriff.
„Warte! Wenn du mich gehen lässt erfülle ich dir einen Wunsch.“ Das Werbefenster öffnete sich. Er gab ‚Chemie‘ und ‚neunter Jahrgang‘ in das Suchfeld ein und verband Janes Taschenrechner mit dem Computer, bevor er auf „Download“ drückte.

Eine Woche später bekam Jane eine fehlerfreie Chemiearbeit wieder. Für Fred war die ganze Geschichte damit erledigt; doch er hatte die Rechnung ohne seine Freundin gemacht.
„Du spielst doch heute wieder dieses… Cupido?“ fragte sie.
„Nein! Ich spiele jetzt ein anderes Spiel.“, wies Fred sie ab. Er stopfte seine eigene Arbeit in die Schultasche. Sie war gerade so noch eine Vier geworden.
„Bist du vollkommen bescheuert?“ Jane baute sich direkt vor ihm auf. Ihre Arme stemmte sie in die Hüften.
„Siehst du denn nicht, was für Möglichkeiten wir haben? Wir könnten beide Morgen unser Abitur in den Händen halten – ohne dafür lernen zu müssen!“
Er schüttelte den Kopf: „So einen Trick kann jeder nur einmal machen, bevor es auffällt.“
„Aber wir haben doch beim Abitur andere Lehrer als hier. Das bemerkt keiner!“ Fred war nicht ganz wohl bei der Sache, aber Jane würde nicht locker lassen, bis er ihr das gewünschte Programm auf den Taschenrechner geladen haben würde.
Also gab er, sobald er wieder zu Hause war, die Web-Adresse in seinen Computer ein. Am Tag zuvor hatte er sie extra aufgeschrieben. Jedoch funktionierte sie auf einmal nicht mehr. Verwirrt startete er wieder das Spiel und suchte nach dem goldenen Mann. Alles war genau wie an den zwei Tagen zuvor: Er griff an, die Figur versprach ihm einen Wunsch, das Werbefenster öffnete sich. Er gab Abitur ein.

„Ich will einen Doktortitel in Medizin!“
„Bist du völlig verrückt geworden?“ Langsam wurde Fred wütend. Kurz zuvor  hatte er dabei zugesehen wie Jane ein verfrühtes Abschlusszeugnis bekommen hatte. Er wusste nicht wie sie es geschafft hatte überhaupt bei dem Test zugelassen worden zu sein. Ihre Noten waren, abgesehen von der einen Eins, grauenvoll. Aber sie hatte es geschafft den Direktor zu bequatschen. Und sie hatte die Tests bestanden. Und trotzdem wollte sie noch mehr?!
„Man muss wissen, wo Schluss ist!“, wies er sie scharf zurecht.
„Nein! Man sollte alle Chancen, die man hat, nutzen!“, widersprach sie ihm. „Du wirst es machen! Unsere Möglichkeiten sind zu groß um sie aufzugeben.“

Sie sollte Recht behalten. Fred war unwohl zumute, während er seine Figur wieder zu der Hütte laufen ließ. Er wusste nicht wie das alles sein konnte. Logisch gesehen hätte nichts von den Ereignissen der letzten Tage passieren können. Er war neugierig und er musste zugeben, dass er gerne wissen wollte wie es funktionierte. Und jetzt einfach ganz die Finger von dem Programm zu lassen, würde ihm schwer fallen.
Seine Figur griff den goldenen Mann an. Ihm wurde ein Wunsch versprochen und schon öffnete sich das Werbefenster. Das wurde langsam zur Routine. Das konnte eigentlich nicht gut sein!
Jane sah das ganz anders.

Und schon eine Woche später feierte sie ihren neuen Doktortitel.
„Wie hast du es geschafft ohne Studium überhaupt zugelassen zu werden?“, fragte er sie.
„Ich habe behauptet, ich hätte im Ausland studiert und meine Auszeichnung vor dem Rückflug vergessen.“ Er starrte Jane an. Ihr Gesicht war vollkommen ernst. Das war kein Witz gewesen. Sie hatte es wirklich so gemacht. Aber wer war so dumm und nahm ihr eine solche Geschichte ab?
„Freust du dich denn nicht für mich?“
„Doch, das ist toll! Dann hast du jetzt ja alles, was man sich nur wünschen kann.“, stellte Fred erleichtert fest. Er irrte sich.
„Ich will einen Nobelpreis!“, verlangte Jane.
„Aber du hast doch nicht einmal Grundkenntnisse in irgendetwas!“
„Ich weiß auch nichts über Medizin und habe einen Doktortitel!“, schoss sie zurück. „Du wirst mir einen Nobelpreis beschaffen!“, befahl Jane und bevor Fred auch nur zu einer Antwort ansetzen konnte, hatte sie sich umgedreht und war verschwunden. Er wollte das nicht. Er fand es ungerecht gegenüber allen anderen Menschen und er schämte sich dafür. Aber er liebte sie und außerdem hing er auch schon viel zu weit mit drin, um einfach aufzuhören.
„Aber das ist das letzte Mal!“, stellte er leise fest, obwohl Jane ihn längst nicht mehr hören konnte.

Noch am gleichen Abend suchte er den goldenen Mann im Computerspiel auf; griff ihn an und erhielt einen Wunsch. Das Werbefenster öffnete sich. ‚Nobelpreis‘ gab er ein. Worin eigentlich. Er war sich nicht einmal sicher worin man einen bekommen konnte. Er hatte mal vom Friedensnobelpreis gehört und Wissenschaftler wollten doch auch immer einen bekommen…
Er entschied sich für Medizin. Frieden passte ja überhaupt nicht, wenn man ständig abschrieb und  außerdem hatte Jane einen Doktortitel. Da fiel ihm auf, dass es für den Nobelpreis überhaupt keinen Tests oder Arbeiten gab. Man musste etwas leisten. Jane hatte nichts geleistet, also würde sie auch keinen bekommen.
Trotzdem konnte man da etwas downloaden. Er tat es ohne sich darum zu kümmern, was es war. Damit würde Jane alleine fertig werden müssen!

„Was genau wollen Sie mit ihrem Gewinn machen?“
„Ausgeben!“, antwortete Jane lächelnd dem Reporter.
„Ja, natürlich. Aber für welches Projekt. An was wollen sie als nächstes forschen?“
„Forschen?“, fragte Jane. „Gar nicht! Ich werde shoppen gehen!“ Fred stand im Hintergrund und sah sich das Desaster an. So hatte es ja Enden müssen. Jane hatte einfach das abgeschrieben, was im Taschenrechner gestanden hatte; ohne auch nur darüber nachzudenken, was da eigentlich stand. Wie es aussah wusste sie noch nicht einmal, was ein Nobelpreis war.
„Sie meinen, Sie werden für ihr nächstes Projekt einkaufen gehen? Was steht da auf ihrer Liste?“ Der Reporter konnte ihre Antwort anscheinend nicht fassen und half ihr sogar noch die richtigen zu finden. Doch Jane begriff das nicht.
„Eine Bluse und vielleicht eine Jeans…“
„Sie haben ja gar keine Ahnung worum es hier geht.“, stellte ein anderer Journalist fest.
„Natürlich ich…“
„Sie muss betrogen haben! Das wird eine Schlagzeile!“

Und wiederum nur eine Woche später saßen sie beide wieder in der Schule über eine Mathearbeit gebeugt. Bei Fred lief es ziemlich gut. Sein schlechtes Gewissen hatte ihn gelehrt selbst zu lernen. Jane dagegen badete lieber im Selbstmitleid und gab ihm die Schuld an allem.
Die Staatsanwaltschaft hatte nie rausfinden können, wie Jane es geschafft hatte abzuschreiben, denn die Programme waren genauso von den Taschenrechnern verschwunden, wie die Web-Seite aus dem Internet. Dennoch war ihnen schnell klar geworden, dass Jane keine Ahnung von irgendetwas hatte und somit nichts selbst geschrieben haben konnte.   

(Die Kurzgeschichte „Der Computerspieler und seine Freundin“ ist eine moderne Version des Märchens „Der Fischer und seine Frau“ der Gebrüder Grimm.) 

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