Märchen Makeover - Gewinnergeschichte 3

 
Küss den Zombie
 
Es war ein Mal ein dunkles Mädchen, welches immer zu traurig schien. Sie fühlte sich oft allein und verbrachte ihre Zeit meist auf dem Friedhof. Die Stille der Toten zog sie hierher. Eines späten Abends hüllte der Mond den Friedhof in ein silbriges Licht. Ein Lärchenschrei durchbrach die Ruhe der Nacht. Edda schlenderte an den alten Gräbern vorbei, gefolgt von einem kleinen Irrlicht. Der Wind wehte ihr eine Haarsträhne ins bleiche Gesicht. Sie nahm ihr Haar zu einem Zopf zusammen, es war so schwarz wie Ebenholz. Auf den zerfallenen Stufen der maroden Kirche ließ sie sich nieder, beobachtete die Glühwürmchen, die über den Gräbern tanzten  und den Toten hinweg schwirrten. Edda fasste in ihre Tasche und zog eine mausgroße Spinne hervor. Ihr fetter, behaarter Körper wurde von langen, grazilen Beinen getragen. Mit ihnen tippelte sie über Eddas Handrücken und blinzelte sie mit ihren acht smaragdgrünen Augen an. Phobieeus war ihr aller liebster Spielgefährte. Sie hatte noch nie die Reaktionen der anderen Dorfbewohner verstanden, die meisten kreischten bei dem Anblick ihrer niedlichen Spinne. Sie ekelten sich, hatten sogar Angst vor ihr. In Eddas Augen war sie jedoch das wunderbarste und vollkommenste Geschöpf dieser Welt. Sie liebte ihren seidig, behaarten Körper, der im Schein der Nacht glitzerte wie Onyxstein. Ihr graziler Gang auf den acht schlanken Beinen war voller Anmut. Phobieeus war ein Geschöpf der Nacht, genau wie sie selbst. Die Finsternis zog sie beide an, wie die Motten das Licht. Ihre Schatten hielten sie gefangen in ihren düsteren Fesseln. Viele Nächte hatte sie sich mit Phobieeus von Zuhause rausgeschlichen, um auf dem Friedhof die Ruhe zu genießen. Plötzlich erhellte ein Blitz die Dunkelheit, er zuckte über die Ruhestätte hinweg, gefolgt von einem markerschütternden Donnerschlag. Phobieeus trippelte unruhig auf Eddas Arm hin und her und ließ sich nicht beruhigen. Gespenstisch erhellte sich abermals der Himmel, Regen brach über sie hinein und die kleine Spinne sprang nach einem erneuten Donnergrollen von ihrem Arm. Edda sah gerade noch einen ihrer stelzigen Beinchen in einem Mausoleum  verschwinden. Völlig verzweifelt hechtete sie ihr hinterher und sackte weinend vor der verschlossenen Gruft zusammen. Laut rief sie ihren Namen. Jedoch schien die Angst der Spinne zu groß, denn sie kam nicht wieder hinaus gekrochen. Edda rüttelte und schüttelte an dem rostigen Gitter. 
 
»Phoboieeus! Komm da wieder heraus! Nun mach schon!« 
Sie hockte eine ganze Weile vor dem Tor, ihr schwarzes Kleid klebte ihr vor Nässe an der Haut, die Wimperntusche lief ihr in die Augen: »Phobieeus!« 
Plötzlich tauchten in der Dunkelheit zwei trübe Augen auf. 
»Weshalb weinst du so bitterlich?« 
Edda schreckte ein Stück zurück. Die gelblichen Augäpfel waren blutunterlaufen und von bläulichen Adern durchzogen. 
»Wer bist du?« 
Die Stimme antwortete heiserer: »Dein Retter in der Not.« 
Es klang, als hätte er sie schon Jahre nicht mehr gebraucht. 
»Hast du meine Spinne gesehen?« 
»Sie ist hier bei mir, sie hat sich ganz hinten in der Ecke verkrochen und ihre acht, dünnen Beinchen zittern wie Espenlaub.« 
»Würdest du sie mir bitte herholen?« 
 
»Den Gefallen könnte ich dir in der Tat erfüllen. Dafür müsstest du mir jedoch ebenfalls einen Wunsch wahr machen.« 
»Alles, was du willst, nur hole mir Phobieeus wieder her.« 
»Ich möchte mich in deinem Heim wärmen, von deinem Tellerchen speisen und in deinem Bettlein schlafen. Und dein Herz, dass will ich auch.« 
»Dies sollst du alles bekommen, wenn du mir nur meine Spinne gibst«, antwortete sie und dachte, dass er doch eh nie und nimmer aus dieser verrotteten Gruft heraus käme. Er ging schleppend von dannen. Inzwischen war der Regen versiegt, doch der kühle Wind, machte Edda das warten nicht angenehmer. 
»Verflixt, wo bleibt er bloß.« 
Ein leises Schlurfen klang in ihren Ohren, überglücklich sprang sie auf. 
»Phorbieeus!«, ihr Herz sprang eine Oktave höher als sie ihre Spinne erblickte. 
»Deal?«, krächzte er hervor. 
»Deal! Nun gib sie mir.« 
Zögerlich streckte er seine verweste Hand durch die mit Rost versehenen Gitterstäbe. Wie vom Teufel getrieben griff Edda nach der Spinne und lief schleunigst davon. Von weiter Ferne vernahm sie noch die heiseren Schreie. 
»Hey, nimm mich mit, du hast es versprochen.« 
Ein paar Tage verstrichen. Edda saß am Frühstückstisch und hatte das Versprechen, was sie dem Untoten gab, schon völlig vergessen. Da scharrte etwas an der Tür. 
»Schätzchen schaust du bitte mal nach«, sprach ihr Vater hinter der Sonntagszeitung. 
Nichts ahnend ging sie zur Tür, da sprach er: »Nun lass mich herein, du hast mir dein Wort gegeben.« 
 
Ihr Herz, es hämmerte ihr in der Brust. Nein, das konnte nicht sein, es durfte nicht sein. Wie ist er bloß hierher gekommen? Sie öffnete das kleine Guckfenster der Haustür. Tatsächlich, da stand der Zombie und erbittet Einlass. 
 
»Wie bist du aus der Gruft gekommen?« 
»Ich habe mich heraus gegraben, wie die Maden durch mein Fleisch«. 
Sie schauderte bei seinen Worten. 
»Du hast mir was versprochen!« 
»Wie hast du hier hergefunden?« 
»Das war ein Leichtes, ich musste nur deiner Spur folgen«. 
»Du kannst hier nicht rein!«, sie schlug das Fenster zu und kehre zurück in die Küche. 
»Wer war an der Tür?« 
»Ach bloß ein fieser Zombie.« 
»Was wollte er?« 
Edda erzählte ihrem Vater, was vor ein paar Tagen geschehen war. 
»Was man verspricht, muss man auch einhalten. Nun geh und öffne ihm die Tür«. 
Voller Abscheu ließ sie ihn herein. Er begleitete sie in die Küche und nahm neben Edda Platz. 
»Ich möchte von deinem Frühstück essen.« 
Angewidert schob sie ihm seinen Teller hin und beobachtete, wie er genüsslich ihr Marmeladenbrot verspeiste. Seine fauligen Zähne gruben sich in das Schwarzbrot und ein paar Brösel purzelten auf sein verdrecktes Hemd. 
 
»Jetzt bin ich müde, zeigst du mir dein Bett, ich möchte mich etwas ausruhen«, sprach er und begleitete sie nach oben in ihr Zimmer. Er ließ sich auf die weiche Federmatratze nieder und Edda wurde übel von seinem fauligen Gestank, den er verströmte. Nachdem er sich ausgeschlafen hatte, sprach er: »Du schuldest mir noch einen Gefallen.« 
»Was willst du denn noch?« 
»Dein Herz hast du mir versprochen!«, krächzte er sabbernd und spitzte die spröden Lippen. 
 
Edda erschrak so fürchterlich, dass sie ihn heftig von sich stieß. Er kam ins Wanken, stolperte hart gegen die Wand und prallte zugleich mit dem Kopf an die Kante der Komode. Reglos blieb sein Körper liegen und sie dachte, es wäre um ihn geschehen. Sie wollte den Untoten jedoch nicht umbringen und war bestürzt über ihre Tat. Er hatte Phobieeus gerettet, für sie. Edda sackte auf die Knie, berührte ihn, er war so kalt. Eine Welle der Traurigkeit überkam sie und eine bittersüße Träne rann ihr Kinn hinab und tropfte auf seine fahle, grünlich schimmernde Haut. Diese verändere sich jäh, nahm eine warme zartrosa Farbe an, eine Spur Lebendigkeit blühte in ihm auf. Sie schaute in sein Gesicht, in seine toten Augen, in ihnen flammte etwas auf. Sie wurden klar, sahen nicht mehr müde aus, sondern strahlten sie in einem saphirblau lieblich an. Er wandelte sich, er wurde menschlich. Sie legte ihren Kopf an seine Brust und hörte ein leises aber gleichmäßiges und beständiges Pochen. Blut durchströmte seine noch kurz zuvor ausgetrockneten Adern. 
 
»Du lebst«, wisperte sie. 
 
Sein eisblauer Blick starrte ihr so eindringlich in die rehbraunen Augen, dass sie alles vergaß. Ihre Lippen berührten sich und der Fluch der alten Zigeunerin fiel von ihm ab wie die Fäulnis von seiner Haut und er bekam, was sie ihm einst versprach, ihr Herz. Von nun an war ihre Traurigkeit verflogen und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. 
 
 

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