Märchen Makeover - Gewinnergeschichte 1

Kiroma – Leuchtendes Blau

In meinem Leben war so einiges Verrückt, aber das Verrückteste ist wohl, dass ich mit zwei Jahren schon verheiratet war. Mein Ehemann war damals 5. Ich glaube nicht, dass er damit einverstanden war. Vorausgesetzt, dass er verstanden hat, was ,,Heiraten" ist. Ich jedenfalls hatte keinen blassen Schimmer und nur nach mehr Schokokuchen gefragt, als meine Mutter mir das erklärt hatte. Jetzt allerdings war ich siebzehn Jahre alt, und verstand vollkommen was das Wort "Heiraten" bedeutete. Vor allem, weil es der Tag war, an dem ich meinen geliebten Planet Kiroma verlassen würde, um diesen Jungen zu heiraten, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. ,,Es ist nötig", wiederholte meine Mutter neben mir, wahrscheinlich eher, um sich selbst zu überzeugen. Ich wusste seit fünfzehn Jahren davon und hatte mich damit abgefunden.

Meine Mutter jedoch hatte jeden einzelnen Tag versucht, das bevorstehende zu verdrängen. Jetzt war es soweit, und es traf sie wie ein Schlag, das die 15 Jahre schon zu Ende waren. ,,Es wird uns allen besser gehen, wenn wir keine weiteren Angriffe von der Erde bekommen", sagte sie und schien es selbst zu glauben. Vielleicht lag es daran, dass es einfach die Wahrheit war. "Ich weiß", murmelte ich und drückte ihre Hand leicht. "Du tust das Richtige", murmelte ich monoton. Es war das was sie hören wollte. ,,Und du wirst nicht allein sein", fügte sie hinzu und lächelte. ,,Hyde und Trave werden dich schließlich begleiten." Ich nickte ohne meinen Blick vom Boden zu heben. "Ich weiß", wiederholte ich. „Du bist so ein starkes und mutiges Mädchen, Angel. Und du bist die Einzige von uns, die nicht so.. abschreckend ist." was sie damit meinte, würde jeder verstehen, der mich mit meinen Freunden verglich: Meine Freunde hatten meist irgendetwas seltsames, zum Beispiel grüne Haut wie Hyde oder rote Augen wie Trave. Ich dagegen sah aus… wie ein Mensch. Auch wenn ich keiner war. Meine Mutter war eine Kiromanerin, doch mein Vater war ein Mensch gewesen. Deswegen war meine Haut weiß wie die der Erdlinge, genauso wie meine Augen keine außergewöhnlichen Farben hatten. Sie waren grau und stachen regelrecht aus der Menge heraus, da hier grau so gut wie nie vorkam. Meine Haare jedoch waren von meiner Mutter. Sie schimmerten Blau. Doch ich hasste Blau. Was war schon Blau? Es hieß auf der Erde würde es endloses Wasser geben, das Blau schimmern sollte, aber ich glaube solche Märchen nicht. Endloses Wasser was sie Meer nennen. Klar... Deswegen färbte ich meine Haare schwarz. Dadurch fielen sie unter den bunten Kiromanern noch mehr auf, doch sie erinnerten mich so an meinen Vater. Laut eines Bildes hatte mein Vater schwarzes Haar gehabt. Wenn es mir ins Gesicht fiel, dachte ich an ihn. An seine Welt und sein Leben auf der Erde. Es war nicht so, dass ich mich nicht auf die Erde freute, das tat ich nämlich. Ich konnte nur den Gedanken nicht ertragen mit einem Wildfremden verheiratet zu werden. Und dazu auch noch eine wichtige Position auf der Erde übernehmen, für die ich nicht geschaffen war. Ich war dafür geschaffen, mit Trave herumzualbern und Spaß zu haben. Ich war dafür geschaffen, durch die Gänge zu huschen und meine Gedanken auf Papier zu bringen. Aber über einen ganzen Planeten zu regieren hatte noch nie zu meinen Talenten gezählt. "Sie können das Schiff jetzt betreten, Mrs", ertönte die durchdringende Stimme des Klons. Ich schaute auf. Die Rakete stand wenige Zentimeter vor mir, bereit um zur Erde zu fliegen. ,,Ich werde dich vermissen, Angel, das weißt du doch", meine Mutter strich mir ein Haar hinter das Ohr und lächelte, wenn auch etwas gequält. ,,Nun flieg schon, mein kleiner Engel." Ich nahm ihre Hand aus meinen Haaren: „Wir sehen uns bald." Sie nickte. Hoffentlich. Wenn die Hochzeit Problemlos verlief. Sollte etwas schief gehen, würde der Anführer der Ende das Friedensangebot vielleicht zurück ziehen. Hyde, Trave und ich wären als erste Tot. Sie würden sich auf kein weiteres Angebot einlassen. Sie würden Kiroma erneut angreifen und mit ihren neumodischen Waffen in wenigen Sekunden zerstören. Es musste alles klappen. Ich musste es schaffen. Oder die Welt, die ich als die meine kannte, würde nicht mehr existieren. Ich stieg so schnell ich konnte durch die Tür, stolperte über eine Treppe und versuchte, nicht zurückzusehen. Die Tür schloss sich hinter mir. Wenn alles gut lief, würde ich vielleicht noch einmal nach Hause zurückkehren. Vielleicht. ,,Pass auf, mir ist da..", bevor Trave - mein bester und engster Freund - seinen Satz beenden konnte, rutschte ich auf einer grünen, klebrigen Masse aus. Das lenkte mich zumindest von meinen Gedanken ab. "Warum müssen die Viecher überall ihre Tretmienen verteilen!?", rief ich aufgebracht und sah mich um. Ein kleiner Moy lief eilig davon. Die kleinen, grünen, vierbeinigen Wesen waren Lautstärke empfindlich. Und sie hinterließen einfach überall ihr Geschäft. „Das war kein Moy.. das war Kiwisaft..", murmelte Trave und sah auf die schleimige Brühe am Boden nieder. Und auf mich, die in der schleimigen Brühe lag. Kiwi war das einzige, was die Moys herstellen konnten, und so hatten wir eigentlich viel zu viel Kiwi. Eigentlich war Kiwi die einzige Frucht, die wir kannten. "Ich hasse die Scheißviecher trotzdem", murrte ich und ließ mir von Trave auf die Beine helfen. "Glaubst du wir können von der Erde Waffen klauen?", fragte Trave beiläufig. Ich starrte ihn an. "Wofür?", fragte ich entsetzt. "Ich wollte schon immer eine grüne Mütze aus Moy-Fell", erklärte Trave grinsend und ich boxte ihm in die Seite. Meine Gedanken schweiften zu meinem Auftrag zurück. Ich wurde wieder ernst. "Wenn wir das hier versauen, ist alles verloren, also denk nicht mal daran irgendwas von ihnen zu klauen!" Trave hob abwehrend die Hände. "Ich würde das eh nicht tun." Ich verdrehte die Augen. Die Rakete war unbemerkt losgeflogen. Jetzt gab es kein zurück mehr.
 
Nach einigen Stunden Flug hielt ich es nicht mehr aus. Ich holte die Glaskugel meiner Mutter aus meiner Tasche. Ich lief zum Fenster und sah hinaus. Nichts als schwärze. Kiroma war komplett verschwunden. Meine Hand umschloss die kleine blaue Kugel mit ihren drei Blitzen, die in ihr aufleuchteten. Ich wusste, dass meine Mutter mir etwas hatte mitgeben wollen. Aber das hier war etwas besonders: Sie hatte ihr eigenes Blut in diese Kugel eingearbeitet, sodass sie magische Kräfte besaß. Ich stand am einzigen Fenster und starrte in das weite Weltall, mit den Gedanken bei meinem neuen Planeten. "Na, Heimweh?", fragte die gelangweilte Stimme von Hyde. Sie war etwas eigen, doch trotzdem konnte sie liebenswert sein. ,,Nicht wirklich", murmelte ich und legte eine Hand an die Scheibe. Die Sterne.. sie waren so groß. ,,Wenn ich du wäre, wäre ich etwas fröhlicher", redete Hyde weiter und sah mich aus ihren violetten Augen an. "Na wenn du meinst", murmelte ich Gedankenverloren. "Du bist dem nicht gewachsen, habe ich Recht?" Sie klang etwas gereizt, doch ich überhörte ihren Unterton in der Stimme. „Vielleicht. Aber wenn ich mir keine Mühe gebe, dann wird unser Planet nicht mehr lange existieren. Es gibt kein gewachsen. Man kann es nur schaffen." Hyde schnaubte. "Du klingst wie ein kleines Kind, das von der großen weiten Welt träumt. Gib es zu, du weißt, dass du versagen wirst!"Bevor ich etwas erwidern konnte spürte ich eine Bewegung am Fenster. ,,Hast du das gespürt?", fragte ich und noch einmal ging eine Bewegung durch das Fenster. "Was denn?", fragte Hyde gehässig und ich sah Irre Freude in ihren Augen aufblitzen. "Das wackeln..?", fragte ich leise. Plötzlich riss mit einem lauten Klappern die Tür hinter mir auf. Von einer Sekunde auf die andere wurde ich nach draußen gesogen. Ich schrie erschrocken auf und krallte mir am Türrahmen fest. Ich schwebte. Außerhalb der Rakete. Meine Finger krallten sich fester, während meine Haare schwerelos um mich herum schwebten. Wir benötigten zwar keinen Sauerstoff, aber ohne fehlte irgendwas. ,,Was hast du getan?", schrie ich und krallte mich noch fester in den Rahmen. "Siehst du doch", rief Hyde und grinste schadenfroh. Meine kleinen Finger rutschten ab. "Ich schätze du wirst dort verhungern", rief Hyde gelangweilt. „Warum tust du diesen Mist hier?! Hilf mir, Hyde! Ohne mich wird deine Heimat sonst bald nur noch Asche sein!“, schrie ich und war langsam am verzweifeln. Hyde schnaubte. "Und du willst das verhindern? Du schaffst es nicht mal dich vor Moys in acht zu nehmen! Du benimmst dich nicht wie jemand, dem bewusst ist, welche Macht in seinen Taten liegt!" Meine Daumen verloren ebenfalls den halt. „Wir können doch darüber reden, wenn ich in Sicherheit bin! Ich halte eine Rede von dir gerade als eher unangemessen..", ich konnte nicht glauben, dass diese Situation Wirklichkeit war. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte mich festzuhalten, was mit vier Fingern so gut wie unmöglich war. "Wir tauschen Plätze!", rief Hyde plötzlich. Sie sah so lebendig aus wie nie. Es schien ihr zu gefallen, zwischen Leben und Tod eines unschuldigen zu stehen. ,,Was? Willst du hier draußen hängen?" Hyde sah aus, als würde sie mich bemitleiden. "Nein danke. Aber wenn du jemals wieder hier rein möchtest, tauschen wir Rollen. Ich werde diejenige sein, die Kiroma rettet. Du wirst meine Dienerin!“ Ihre Augen leuchteten vor Freude. „Das kauft uns doch keiner ab! Du kannst nicht einmal die Sprache der Menschen richtig..", ich rutschte immer weiter ab und wurde ins All gerissen. Ich schrie auf. Meine Beine zappelten wie wild im leeren und meine Arme fanden keinen Halt. ,,Na schön, du hast gewonnen, wir tauschen Rollen!", keuchte ich und Hyde begann zu grinsen. Dann schrie sie: „Hilfe! Das Fenster hat sich geöffnet! Wir brauchen Hilfe!" Sofort kamen die kleinen Moys angerannt und flogen los, um mich zu retten. Ich seufzte erleichtert auf und machte mir keine Gedanken um das, was ich eben gesagt hatte.
 
Den ganzen Flug über hatte ich kein weiteres Wort mehr mit Hyde gewechselt. Trave hatte durchgeschlafen und von allem nichts mitbekommen. Und die Klone, die damit beschäftigt waren die Rakete zu fliegen, erst recht nicht. Hyde hatte gewonnen. Und ich hatte ein Problem. Als wir ankamen, hatte ich ihr seltsames Kleid an und trug meine Taschen, die jetzt ihr gehörten. Sie dagegen hatte sich die Haare schwarz gefärbt und trug meine Kleidung. Außerdem mein Diadem, dass ich eigentlich nie trug, weil ich es nicht leiden konnte, wie eine Prinzessin auszusehen. Trave stand neben mir und schnaubte nur:  „Wie konntest du?" ,,Wäre es dir lieber, wenn ich gestorben wäre?", fragte ich leise zurück. "Nein natürlich nicht", zischte Trave und nahm mir eine der Taschen ab. Die Rakete war schon seit längerer Zeit gelandet und wir standen vor einem großen, weißen Gebäude. Auf der Erde sah eigentlich alles anders aus: Braune, riesige Stängel stachen aus dem Boden, der Boden war grün und nicht blau und die Decke (oder der Himmel?) war seltsam blau und man konnte keinen Stern sehen. Dafür gab es viel Sauerstoff. So viel, dass mein Kopf zu explodieren schien. "Wie geht's mit dem Atmen?", fragte Trave genau in dem Moment. Er schien sich ebenfalls etwas schwer zu tun. "Geht so", murmelte ich und sog die Luft ein. ,,Stellt euch nicht so an!", fuhr Hyde uns an und stöckelte auf ihren Absatzschuhen den Weg entlang. Sie sah wirklich aus wie eine Prinzessin, also wesentlich besser als ich. Jetzt traten aus dem Gebäude zwei Personen, eine größere, runde und eine kleinere, schmächtigere. Hyde strahlte, was auf ihrem für gewöhnlich ernsten Gesicht falsch wirkte. Die Personen kamen auf uns zu. Sie hatten dieselbe helle Haut wie ich, und ungewohnt farbloses Haar. Hyde sah neben den beiden aus wie... ein Alien. ,,Hallo, Prinzessin Angel!", rief der etwas dickere Mann und lief auf das scheinheilige Mädchen zu. ,,Guten Tag, Mr. Präsident!", rief Hyde und umarmte den Mann. Der Junge - ich schätzte ihn auf zwanzig - stand hinter den beiden und knetete seine Hände. Das war also mein zukünftiger Mann. Na ja, jetzt wohl Hydes. Der Junge hatte braunes Haar. Er fuhr sich mit der Hand hindurch und verschränkte die Arme vor der Brust. "Wie war Ihre Reise?", fragte der rundliche Mann und strahlte. "Danke, angenehm", antwortete Hyde. Ja, für sie vielleicht. "Ihre Haut sieht äußerst ..." Er suchte nach Worten. "Interessant aus. Ist das in Kiroma üblich?" Er sah zu mir und wieder zu Hyde, deren Haut wie immer grünlich schien. "Ach, wie unhöflich von mir", rief der Präsident ehe Hyde hätte antworten können. "Das ist Key" Er zog den Jungen am Arm zu sich. Lächelnd reichte Hyde ihm die Hand: „Mein Name ist Angel." Die Namen hatten wir also auch getauscht? ,,Und wer sind Ihre Begleiter?", fragte der rundliche Mann - offensichtlich der Präsident - und musterte mich und Trave. „Das Mädchen ist meine… wie sagt ihr, Zofe? Der Junge ist mein Begleiter. Die beiden werden sich um meine Dinge kümmern, ich hoffe, sie werden Sie nicht belästigen." Belästigen. Ich verdrehte die Augen. "Aber nein, wir freuen uns über andere Kulturen", sagte der Präsident und zeigte auf das große weiße Haus. "Ich würde mich gerne etwas weiter über Ihre Sitten unterhalten, wenn Sie nichts dagegen haben, Angel." Hyde nickte. "Mein Begleiter darf mitkommen. Meine Zofe kann sich um mein Gepäck kümmern." Sie grinste mich herablassend an und folgte dem Präsidenten ins Haus. Trave zuckte mit den Schultern, nickte mir zu und folgte den beiden ebenfalls. Der Prinz - oder Key - blieb alleine zurück und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Eine Weile starrten wir uns an. Er hatte wunderschöne Augen. Menschen hatten zwar… normale Augen, aber seine waren wundervoll braun. Wie die Morgensonne, es war schon fast golden. Ich merkte, wie ich ihn ansah und wandte den Blick ab, um das Gepäck zu nehmen. Da fing er an zu sprechen: ,,Du bist sozusagen ihre Sklavin, richtig?" Ich nickte zögerlich. Ja, das war ich wohl. ,,Sag es ihr nicht, aber du bist viel hübscher als diese Prinzessin", er lächelte mich an, was man bei uns zu Hause eigentlich nie tat. Aber meine Mutter hatte mir erklärt, dass die Leute das auf der Erde oft machten. Und das es als freundliche Geste gemeint war. Damals hatte ich das nicht verstehen können, aber jetzt wo ich sein Lächeln sah, wusste ich wieso. Ich konnte nicht anders und lächelte zurück. Er kam etwas näher und betrachtete mein Gesicht. ,,Du siehst nicht wirklich wie ein.. Alien aus", meinte er und ich spürte, wie mein Inneres wärmer wurde wie als hätte man Glut durch meine Adern gekippt. ,,Das liegt wohl daran, dass mein Vater kein Alien war", sagte ich die Wahrheit, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte. "Meine Mutter auch nicht", fügte ich leise hinzu. Aliens waren höchstens die Menschen, mit ihren farblosen Haaren und Augen. "Dein Vater war ein Mensch?", fragte er überrascht und musterte mich. "Das muss während des Krieges gewesen sein. Du bist doch nicht älter als 20, oder?" „Siebzehn, und ja, es war während des Kriegs", erklärte ich nickend. In meinen Gedanken spukten Bilder herum, auf denen ich meine Hand an seine Wange legte. Nur um zu fühlen, ob... Was hatte ich für seltsame Gedanken? "Das ist so gut wie unmöglich", murmelte der Sohn des Präsidenten kopfschüttelnd. "Was ist?", fragte er plötzlich und ich schreckte aus meinen Gedanken hoch. "Ich ... ich ähm ... habe noch nie jemand anderen mit heller Haut gesehen", erklärte ich und trat von einem auf den anderen Fuß. "Wirklich? Sehen die anderen Aliens alle aus wie diese Prinzessin?" Er zog die Augenbrauen hoch. ,,Jaah.. der Großteil.. manche sind auch gelb, aber das ähnelt heller Haut nicht wirklich..“, ich hatte mich wieder in meine Gedanken verirrt und dachte darüber nach, wie es sich anfühlen würde durch sein Haar zu fahren. Es war so braun, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Und vor allem sah es so seidig aus.. „Jedenfalls bin ich froh, dass du da bist“, sagte er schließlich und lächelte wieder. „Diese Prinzessin wird jetzt erst einmal die nächsten Tage von meinem Vater in Beschlag genommen. Ich finde es interessanter, mehr über die normalen Leute auf eurem Planeten zu erfahren.“ Er sagte immer diese Prinzessin. "Hattest du denn eigentlich nichts dagegen, dass du verheiratet wirst?", fragte ich, weil mir die Frage schon seit dem Flug im Kopf herumgeisterte. Eine Windböe fegte über den kleinen Vorplatz des Weißen Hauses und einige seiner Haare vielen ihm ins Gesicht. Meine Hand zuckte um sie zurück zu streichen, doch ich ließ es bleiben. ,,Ich..", fing er an, dann wurde er leiser und sagte:,, Ich dachte, ich würde dieses.. nun ja, Mädchen, sofort lieben und wäre froh, dass ich sie heiraten dürfte. Also bis eben hat es mich nicht gestört aber... sie wirkt so emotionslos. Ihr Lächeln wirkt aufgesetzt, findest du nicht?“ Er sah wieder zu mir. ,,Wie heißt du eigentlich?" ,,Ähm..", sollte ich jetzt Hyde oder Angel sagen? Wahrscheinlich Hyde. "Hyde", sagte ich seufzend. "Hyde. Klingt … interessant.“ Eine seltsame Melodie ertönte und Key griff in seine Tasche. Er holte ein ziemlich kleines, flaches Viereck raus, auf dem er rumtippte. Dann sagte er: „Wir sehen uns, Hyde.“, wandte sich um und hielt sich das Ding ans Ohr. Außerdem redete er zu dem Ding. Gut, dass ich so einen Irren nicht heiraten muss, dachte ich und besah meine, nun Hydes, Taschen. Keine Ahnung, wo ich die hinbringen sollte. Ich nahm eine der Taschen in die Hand. Mehrere gleichzeitig würde ich niemals bis ins Haus schleppen können. Ich schulterte die Tasche und sah wieder zu Key, der vor sich hin redete. Selbstgespräche waren in Kiroma eher selten. Ob das hier üblich war? Mein Blick blieb an seinem Haar hängen, das leicht im Wind hin und her wog. Ich schüttelte wirr den Kopf. Was war an Haaren schon so besonders? Ich nahm die nächste Tasche. Meine Güte, was hatte ich alles eingepackt? Ich schulterte auch diese und sah erneut zu Key. Mein Blick wanderte tiefer. Ich verharrte an seinem Hintern. Gut sah er aus, das musste man ihm lassen. Ich legte den Kopf schief. Wirklich gut. Normalerweise musterte ich nicht die Hintern von Leuten, aber es war, wie als hätte jemand dort ein Leuchtschild befestigt. Ich biss mir auf Unterlippe und wandte den Blick von seinem knackigen Gesäß ab (hatte ich das wirklich gedacht?) um an ihm vorbei die Stufen hochzugehen. In diesem Moment beendete Key sein Selbstgespräch und nahm mir ohne zu fragen eine Tasche ab. "Das musst du nicht", sagte ich schnell und versuchte das Bild seines Hinterns wieder loszuwerden. "Man lässt Frauen aber nicht so viel tragen ohne zu helfen. Das nennt man Gentleman", sagte er und grinste. Gentleman? "Okay", murmelte ich ohne es zu hinterfragen und folgte Key ins Haus. Da mich das Bild seines Hinterns in Gedanken zu verfolgen schien, nahm ich die Umgebung kaum in mich auf und starrte ihn eher an. Okay, ich probierte auch einen Blick auf seinen Po zu werfen, aber nur nebensächlich. Plötzlich  hörte ich einen Schrei. Er kam aus dem Zimmer vor uns und kam mir ziemlich bekannt vor. War das etwa... Ich ließ die Taschen fallen, rief: „Trave!", und rannte los. Ich riss die erst beste Tür auf, aus der der Schrei zu kommen schien und lief hinein. Der Raum war riesig und rund. Die Wände waren weiß und der Boden glänzte. Die Fenster waren Bodenlang und rote Vorhänge hingen davor. Als einzige Möbelstücke standen einige Kommoden an der Wand, und ein Schreibtisch in der Mitte. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen und erblickte Trave verkrümmt am Boden liegen. Er schrie erneut auf und zuckte, als wäre er nicht er selbst. Schweiß lief ihm über die Stirn. Ich riss die Augen auf und fiel vor ihm auf die Knie. ,,Was habt ihr getan?", flüsterte ich und mein Blick fiel auf die Spritze, die ihm im Arm steckte. ,,Er hat die Prinzessin bedroht", sagte ein Mann, komplett in schwarz gekleidet. „Während der Präsident das Zimmer verlassen hatte. Sie hat um Hilfe geschrien." Überrascht über Hydes Boshaft starrte ich sie an. ,,Was hast du ihm gegeben, James?", fragte Key. ,,Das ist doch ein Schlafmittel?" ,,Um genau zu sein ist es aus dem Gift des Fingerhuts..", murmelte der Mann und ich schrie auf:,, Sie.. sie haben ihm Gift eingespritzt!" Langsam strich ich Trave eine Haarsträhne aus der Stirn. Er wimmerte leise und flüsterte: ,,Lass dich nicht töten, bring dich in Sicherheit, Angel.." "Er hat bereits Halluzinationen", erklärte der Mann und trat auf mich zu. Tränen liefen mir die Wagen hinunter. Traves Augen verdrehten sich und er atmete stoßweise. Der Mann packte mich am Arm und zog mich zurück. "Zum Schutze der Prinzessin", rief er und stieß mich zur Tür. Ich drehte mich blitzschnell wieder um und wollte zu Trave zurück, der sich kaum noch regte und keuchte. Doch Key packte mich an den Schultern. "Er wird sterben. Lass es gut sein." Ich schluchzte. "Warum?", flüsterte ich in Hydes Richtung die selbstgefällig lächelte. Ich nahm kaum wahr, wie Key mich aus dem Zimmer schob.
 
Der kleine Junge beobachtete mich, das wusste ich. Ich war dabei, die Gänse zu hüten. Man hatte mich in ein kleines Gartenhäuschen verfrachtet, komplett aus Glas und so groß wie ein gesamtes Grundstück, wo ich mich um die Tiere kümmern sollte. Eigentlich hütete ich die Tiere aber nicht wirklich. Ich kniete vor einem kleinen Häufchen Erde, wo Trave beerdigt wurde und weinte. Weinte, um meinen verlorenen Freund. "Wie konnte sie nur?", fragte ich zum wiederholten Male. ,,Oh, Prinzessin, wenn das deine Mütter wüsste, ihr würde das Herz zerspringen", wisperte auf einmal Traves Stimme in meinem Kopf. Ich drehte den Kopf nach dem Jungen, ob er es gehört haben mag, doch er sah nicht so aus. „Was willst du mir sagen?“, fragte ich leise und am Boden zerstörrt. ,,Dass ich nicht hier sitzen sollte sondern Hyde? Dafür ist es wohl zu spät.“ Ich stand auf und scheuchte die Gänse von meinen Füßen weg. „Wie machst du das?“, dieses Mal kam die Stimme nicht vom Grab, sondern von dem kleinen Jungen. „Was mache ich denn?“, fragte ich zurück. "Du sprichst mit dem Grab!", rief der Junge und kam näher. "Nein, ich rede mit den Gänsen", sagte ich. "Aber er hat dir geantwortet." Der Junge gab nicht nach. "Er sagte Prinzessin." Ich schaute zu Boden. " ,,Außerdem leuchtest du so seltsam, wenn die Sonne auf dich scheint", sagte er, nahm meinen Arm und hielt ihn ins Licht, dass durch die Glasdecke schien. Er hatte Recht, mein Arm leuchtete leicht blau. ,,So leuchten bei uns eben alle, die aus adeligem Geschlecht kommen", meinte ich unüberlegt und schlug mir danach mit der Hand auf den Mund. „Adelig?“, fragte der Junge und musterte mich. „Warum bist du dann eine Sklavin?“ „Meine Eltern mussten mich verkaufen“, log ich, aber ich wusste, dass der Junge mir das nicht abkaufen würde. Ich war nicht so eine gute Lügnerin wie Hyde. „Du bist die Prinzessin“, es war keine Frage, sondern eine Feststellung. „Wenn ich dir die Wahrheit sage, gehst du dann nicht zum Präsidenten?“, fragte ich und sah mich nervös um.  „Na schön“, der Junge verschränkte die Arme vor der Brust und ich begann zu erzählen. Ich hoffte, dass er wirklich seine Klappe halten würde. Ich hatte keine Lust, von Hyde als Lügnerin dargestellt zu werden und vielleicht noch grausamer als Trave umgebracht zu werden. „Hyde und ich – also, die angebliche Prinzessin und ich haben Plätze getauscht“, ich schaute ihn nicht an. „Das ist mir auch schon aufgefallen“, sagte der Junge. Ich klappte den Mund auf und wieder zu. "Dir ist ... was?" Ich starrte ihn erschrocken an. Wenn er es bemerkt hatte, warum nicht auch die anderen? "Du benimmst dich nicht wie eine Dienerin." Ich nickte langsam. "Ja vielleicht." Ich seufzte. Hyde hatte es geschafft Trave zu töten, und dabei auch noch zu lächeln. Was würde sie tun, wenn sie herausbekam, dass ich es verraten hatte?
 
Noch in derselben Nacht rannte der kleine Junge - der der Cousin von Key war - zum Präsident. ,,Was möchtest du, Oliver?", fragte dieser den Jungen und sah ihn nachdenklich an. „Die Gänsemagd - sie ist gar keine Magd. Sie ist… sie ist die Prinzessin! Sie hat mit dem Grab gesprochen und dann leuchtet sie auch noch so blau in der Sonne…" "Blau in der Sonne zu leuchten ist für Kiromaner vielleicht normal, es hat nichts zu bedeuten", murmelte der Präsident nervös. "Das Grab sagte Prinzessin zu ihr. Ich schwöre es Onkel!" Der Präsident zog die Stirn kraus und kratzte sich am Kinn. "Mein Handlanger sagte etwas Ähnliches. Er meinte den Toten in Giftrausch ebenfalls Prinzessin sagen zu hören. Jedoch nicht zu Angel sondern zu der Magd."
Und so beobachtete der Präsident die wahre Prinzessin und sah, wie das Grab zu ihr sprach. Kurz darauf suchte er Key auf und erzählte ihm die ganze Geschichte. Dieser schien wenig überrascht. ,,Lass mich schon machen", lächelte Key. ,,Ich weiß, was zu tun ist."
 
Key lief direkten Weges ins Schlafzimmer von Hyde. Diese saß auf dem Bett und wühlte begierig in einer Schachtel mit Schmuck und Wertsachen darin. "Key! Ich hatte dich nicht erwartet", sagte sie und lächelte gezwungen. Sie hasste lächeln. Es war etwas überflüssiges, was sie in Kiroma nie gebraucht hatte. „Es geht um deine Magd. Sie behauptet die echte Prinzessin zu sein.“ Hyde sprang auf. "Sie behauptet was!?", zischte sie wütend. "Sie wollte ins Haus kommen, da ihr die Krone gebührt, behauptete sie." Key verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie lügt! Das weißt du doch, oder?" „Natürlich", Key lächelte. ,,Und ich möchte, dass du ihre Strafe aussuchst."Hydes Angst verflog. Ihre Gesichtszüge entspannten sich. "Ach wirklich?" Ihr Mund verzog sich zu einem boshaften lächeln. "Sie hat dich und deinen Vater belogen!", zischte sie. "Sie hätte euch zum Gespött gemacht, hättet ihr ihr geglaubt!" Ihre Augen verkleinerten sich. "Sie ist nichts Besseres wert, als daß sie splitternackt ausgezogen und in ein Fass gesteckt wird, das innen mit spitzen Nägeln beschlagen ist. Das Fass soll von zwei Pferden durch die Straßen gezogen werden, bis sie stirbt!" Ihre Augen leuchteten hasserfüllt. „Schön, dass du genau weißt, wie eine Lügnerin bestraft werden darf. Wachen, verhaftet diese Betrügerin und macht mit ihr das, was sie sich gewünscht hat", knurrte Key. Sein Lächeln war erloschen. Hyde kreischte auf: " Das ist ein Scherz, oder? Sag mir, dass das nicht dein Ernst ist!" Sie raufte sich die Haare und starrte Key mit irrem Blick an. "Das kannst du nicht tun!" Sie schrie abermals wütend auf. "Ich bin die Prinzessin! Die wahre! Schon immer gewesen!" Die Wachen traten ein und packten sie an den Armen. Hyde zappelte wie wild und schlug um sich. "Ich bin die Thronfolgerin! ICH!" Sie trat und wehrte sich, doch die Wachen waren stärker. Als sie hinaustraten kam ihnen Angel, die echte Angel entgegen.
 
Meine Augen leuchteten wie sie seit Tagen nicht mehr geleuchtet hatten, als ich sah, wie Hyde verhaftet wurde. "Wieso bist du dir sicher, dass sie die Betrügerin ist?", fragte ich vorsichtig und ging auf Key zu, der immer noch keine Miene verzog. "Bauchgefühl", knurrte Key. Ich zog die Brauen. "Seit wann kann man mit dem Bauch denken?" Nun musste Key lachen. "Noch nie das Sprichwort gehört?" Ich lachte ebenfalls. "Nein." Und dann machte ich eines der wohl verrücktesten Dinge in meinem Leben: Ich fiel Key um den Hals und küsste ihn. Küsste ihn, weil wir eigentlich schon verheiratet waren. Weil wir irgendwie zusammenpassten. Weil er ein verdammt gutes Bauchgefühl hatte.
 
 

Kommentare und Bewertungen

Gracy
12.04.2014
Eine hervorragende Umsetzung des Märchen "Die Gänsemagd". Sie ist sehr, sehr interessant und spannend. Eine wirklich tolle Idee! Außerdem ist sie wundervoll geschrieben. Sehr spannend, sehr gut verständlich und man kann sich total gut hinein versetzen und sich auch alles bildlich vorstellen. Ein wirklich sehr gut gelungene Geschichte! Viele liebe Grüße Gracy
Willkommen bei Bittersweet! Wir verwenden Cookies, um die Inhalte unserer Webseite sinnvoller zu gestalten, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Webseite zu analysieren. Weitere Informationen findest du in unserer Datenschutzerklärung.