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Bittersweet Academy: Kerstin Ruhkieck – Einen Roman in vier Perspektiven schreiben

Kerstin Ruhkieck verrät Dir, wie man einen Roman in mehreren Perspektiven schreibt!

Klingt ganz schön kompliziert: Du schreibst gerade einen Roman in vier Perspektiven. Ist das tatsächlich schwierig?

Naja, wie man es nimmt. So viele Perspektiven bedeuten natürlich, dass man als Autor/in ein sehr gutes Einfühlungsvermögen haben muss. Denn vier verschiedene Perspektiven bedeuten eben auch vier verschiedene Sichtweisen, vier verschiedene Gefühlswelten, vier verschiedene Persönlichkeiten. Dafür muss man die Charaktere gut kennen und Empathie besitzen. Das ist manchmal schon bei ein oder zwei Figuren nicht einfach, besonders dann nicht, wenn die Figur so gar nicht mit der persönlichen Denkweise des Autors übereinstimmt. Ich für mich habe aber da ein paar Tricks gefunden, die mir bei meiner Arbeit sehr helfen, auf die ich an späterer Stelle noch etwas eingehen werde.

Ein weiterer Schwierigkeitsfaktor ist der Leser. Ein Autor hat die Aufgabe, seine Leser nicht mit zu vielen Figuren und Perspektiven zu verwirren. Manchmal – wie bei meinem aktuellen Manuskript – sind so viele Perspektiven jedoch unvermeidlich. Deshalb bin ich dieses Problem schrittweise angegangen. In dem ersten Teil meiner Trilogie gibt es nur zwei verschiedene Perspektiven. Der Leser ist mit den Figuren und ihren Sichtweisen also bereits vertraut. Im zweiten Teil nun, in dem es vier (oder vielleicht sogar fünf) Perspektiven geben wird, kennt der Leser viele Figuren schon, hat bereits mit ihnen gelitten und für sie gehofft. So ist es für den Leser dann einfacher und übersichtlicher, wenn neue Perspektiven hinzustoßen.

Schreibst Du die Perspektiven jeweils Protagonist für Protagonist oder wechselst Du?

Das hängt davon ab, an welcher Stelle der Geschichte ich mich befinde. Zu Beginn des zweiten Teils verläuft das Erzählte noch parallel, es baut also nicht aufeinander auf. Einfacher gesagt, es gibt Handlungsstrang A, B und C, die zunächst noch nichts miteinander zu tun haben. Hier habe ich die jeweilige Perspektive in einem Rutsch geschrieben und später die drei Erzählstränge entsprechend zusammengesetzt. Ich halte das für einfacher, da man als Autor dann besser in der Geschichte drin ist, nicht immerzu herausgerissen wird und sich in die andere Story wieder hineindenken muss. Im späteren Verlauf war das allerdings nicht mehr möglich, da die Figuren sich zwar nicht zwangsläufig am selben Ort befinden, die Ereignisse aber chronologisch geschehen und aufeinander aufbauen. Da musste ich beim Schreiben die Perspektive wechseln. Zum Glück fiel mir das zu dem Zeitpunkt nicht mehr schwer, weil ich da bereits ganz tief in den Köpfen meiner Protagonisten drin steckte. Es ist wie mit einer Freundschaft zu realen Menschen: Je länger Du sie kennst, desto besser verstehst Du, wie sie ticken.

Hast Du Dir die Charaktere immer vorgestellt? Wenn ja, was hilft Dir dabei?

Ich stelle mir die Charaktere vor, denn leider stellen sie sich mir nie vor. ;) Bevor ich die Geschichte schreibe, sind die Figuren meine Erfindung, reine Theorie sozusagen. Ich gebe ihnen ihr Aussehen - meistens orientiere ich mich da an realen Personen - eine Vergangenheit, lege fest, wie sie über bestimmte Dinge denken, was sie fühlen, was ihr Antrieb im Leben und innerhalb der Geschichte ist. Erst wenn ich dann beginne zu schreiben, erwachen sie zum Leben, nutzen das, was ich ihnen gegeben habe, entwickeln sich weiter und überraschen mich mit Eigenschaften und dunklen Geheimnissen, von denen ich selbst nichts geahnt hatte. 

Eine Geschichte zu schreiben, ohne die Figur zu kennen, wäre für mich unmöglich. Gerade wenn man mit so vielen Perspektiven jongliert, ist es eine Gratwanderung zwischen Kontrolle und absolutem Chaos. Ich muss nicht wissen, welche Lieblingsfarbe die Figuren haben – es sei denn, es ist für die Geschichte wichtig. Aber ich muss wissen, wer sie ist. Gerade kürzlich hatte ich das Problem, dass ich keine Verbindung zu einer meiner Figuren fand und einfach nicht kapierte, woran das lag. Des Rätsels Lösung: Ich wusste nicht genug über sie. Ihr fehlte es an einer greifbaren, sichtbaren Vergangenheit. Seit ich das Problem behoben habe, verstehen wir uns viel besser! ;)

Gibt es weitere Hilfsmittel, wie Du die vier Perspektiven beibehältst?

Vieles von meiner Vorgehensweise habe ich ja schon beschrieben. Für mich sind farbige Karteikarten ein großes Hilfsmittel. Jede Figur bekommt eine Farbe zugeordnet, auf denen ich dann jede einzelne Szene ihrer Storyline notiere. So habe ich einen guten Überblick – insbesondere auch über die inneren Vorgänge, die emotionale Entwicklung wie auch die der Geschichte an sich – und kann im späteren Verlauf der Planung die Kärtchen beliebig verschieben, bis die jeweiligen Szenen aus den einzelnen Perspektiven ihren Platz in der Geschichte gefunden haben.

Bei allem darf man als Autor nämlich eins nicht vergessen: Es ist ja nicht nur wichtig, dass ich den Überblick behalte, sondern auch der Leser soll sich in der Geschichte problemlos zurechtfinden und sich nicht permanent fragen müssen: "Wer war das noch gleich?". Ein ganz simpler Trick ist hierfür, den Charakteren keine Namen mit dem gleichen Anfangsbuchstaben zu geben. Klingt vielleicht banal, hat aber eine große Wirkung. Heißen die Protagonisten Peter, Paul, Philip und Pepe, wird sich der Leser schwertun. Sind es hingegen Peter, Thomas, Lars und Andy, wird man sie nicht so leicht durcheinander bringen. Dabei ist es egal, ob Männlein oder Weiblein. Deshalb haben meine Figuren – zumindest die Protagonisten – immer Namen mit unterschiedlichen Anfangsbuchstaben. Ähnlich ist es mit den Persönlichkeiten. Die Figuren sollten sich anhand ihres Charakters, ihren Ansichten und ihrem Verhalten unterscheiden. Deswegen ist es klug bei der Wahl der Perspektive darauf zu achten, nicht nur aus der Sicht von schüchternen oder aufgedrehten oder rebellischen Charakteren zu schreiben. Perspektiven sind die ideale Gelegenheit, Figuren dem Leser näher zu bringen, ihre Beweggründe glaubhaft zu machen. Diese Gelegenheit sollte ein Autor nicht verstreichen lassen. Wiederholungen langweilen nur. Ein guter Trick ist, einmal einen inneren Vorgang der Figuren zu schreiben, ohne den Namen zu nennen. Wenn der Leser auch ohne Namen weiß, in welcher Perspektive er sich gerade befindet, ist das ein sehr gutes Zeichen! :)

Verrätst Du uns noch mehr aus Deinem Schreibprozess? Hast Du die Geschichte vorher geplant?

Man kann es vielleicht schon erahnen: Ich bin ein Planer durch und durch. Ich kenne den Anfang, die Mitte, das Ende. Und ich kenne die Figuren. Ich arbeite mit Stufendiagrammen und Karteikarten. Ich schreibe nicht immer chronologisch und manchmal einfach nur die Dialoge, um die Stimmen in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen. Es gibt bestimmte Szenen, die habe ich schon lange Zeit vor Augen, noch bevor ich überhaupt zu schreiben anfange. Ich denke lange über eine Geschichte nach, oft mehrere Jahre, bevor tatsächlich das erste Wort auf Papier landet. Spaziergänge helfen mir, Lösungen für Schwierigkeiten im Text zu finden oder lose Enden miteinander zu verknüpfen. Außerdem habe ich gerade „Brainstorming“ mit Kolleginnen für mich entdeckt. Denn es ist keine Schande, mal keine Lösung auf ein Problem zu finden, häufig hilft es, jemand anderen einen Blick drauf werfen zu lassen. Es ist wichtig, sich nicht selbst im Weg zu stehen.

Was für Probleme gibt es bei dieser Schreibmethode?

Planen ist nicht jedermanns Sache. Ich weiß von Kolleginnen, dass sie nicht planen, weil es ihnen die Freude, die Spannung am Schreiben nimmt. Das muss jeder für sich herausfinden, obwohl ich glaube, dass Planung zumindest bei so vielen Perspektiven unvermeidlich ist. Die Arbeit mit einem festgelegten Plot könnte sich für einige wie eine Zwangsjacke anfühlen, ohne Überraschungen, ohne Raum für Kreativität. Ich persönlich empfinde das anders. Für mich ist es kein Gefängnis, sondern eine wissende Hand, die mich durch die Geschichte führt. Mir fehlt es nicht an Spannung, denn es passieren immer wieder unvorhergesehen Dinge, die mich überraschen. Außerdem steigert Planung die Vorfreude auf bestimmte Szene und die Nervosität, ob sie so werden wie man sie sich vorgestellt hat. Kreativität geht dabei nicht verloren. Plotten ist kreativ, und schreiben sowieso. 

Zudem braucht man für diese Methode sehr viel Geduld. Wenn jemand sofort losschreiben will, sind so viele Perspektiven ungeeignet. Da ist es für die Geschichte überlebenswichtig, Zeit mit seinen Figuren zu verbringen, ihr Schicksal zu planen, die zwischenmenschlichen Beziehungen zu durchleuchten und sie von innen und von außen zu kennen.

Eignet sich diese Methode auch für Anfänger?

Auf jeden Fall! Allerdings würde ich unerfahrenen Autoren davon abraten, sich gleich so viele Perspektiven aufzuhalsen. Denn der Leser bemerkt sofort jede Unsicherheit, jede Ungereimtheit, und das sollte nicht passieren. Ich würde jedem Neuling anraten, zunächst nur mit einer Perspektive zu starten, am besten in der 3. Person (da die 1. Person Stolperfallen bereithält, die man auf dem ersten Blick nicht erwartet) und auszutesten, ob er Zugang in den Kopf des Protagonisten findet. Es ist ein Ertasten, ein Ausprobieren, und wenn man feststellt, ein gutes Einfühlungsvermögen zu haben, kann man sich auch mal an zwei oder mehr Perspektiven heranwagen. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass das stressig wird. ;)

Wenn man sich in die Köpfe von mehreren Figuren einnistet, kann ich Planung nur jedem empfehlen. Aber auch das ist eben nur eine Empfehlung. Schreiben soll in erster Linie auch Spaß machen, und das funktioniert nicht, wenn man sich in einer Methode eingesperrt fühlt, die nicht den persönlichen Bedürfnissen entspricht. Die beste Methode für alle, für Anfänger, Fortgeschrittene und Profis ist daher ganz klar: schreiben, schreiben, schreiben.

 

Über die Bittersweet Academy - Schreibtipps für Dich!

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