Stille deine Sehnsucht

Vertrauen und Verrat: Zu Besuch bei der Kupplerin

So habe ich mir das nicht vorgestellt! Ich wollte frei sein, mein Leben selbst bestimmen. Doch nun soll ich verkuppelt werden? Eine arrangierte Ehe „zu meinem Besten und für die Ehre meiner Familie…“, wirklich super. Eigentlich sollte mir mein Onkel eine Lehrstelle besorgen. Irgendwer hätte doch sicher eingewilligt, mich als Lehrling zu nehmen – der Kräuterhändler oder der Kerzenmacher oder vielleicht der Weber. Aber heiraten? Ich habe mein ganzes Leben doch noch vor mir und bin nicht gewillt, es von einem Snob als Ehemann abhängig zu machen! Wie konnte es mein Onkel nur wagen, ein Treffen mit der Kupplerin zu vereinbaren? Es sei das Beste für mich und meine Zukunft, meinte er. „Da wir ohnehin davon ausgehen, dass Jahre vergehen werden, bis sich jemand findet, der dich heiraten will.“ Wie gemein – und vielleicht doch wahr? Ich habe eben Ansprüche. Doch tief in mir weiß ich, dass er nicht ganz unrecht hat. Auf dem Markt der heiratsfähigen Frauen bin ich sicherlich kein Prachtexemplar. Weder meine Herkunft noch mein Aussehen versetzen irgendjemanden in Staunen. Doch das war auch nie meine Ambition. Nun soll ich mich glücklich schätzen, dass mich die Kupplerin empfängt. Sonst kommen nur Mädchen in diesen „Genuss“, die adlig, reich oder anderswie außergewöhnlich sind.

Darnessa Rodell, ihres Zeichens Vorsitzende der Gilde der Kupplerinnen, hatte eine Schwäche für außergewöhnliche Mädchen. Wahrscheinlich ließen sich diese besser an den Mann bringen. Wer weiß das schon. Als ich sie traf, machte sie einen eher überheblichen Eindruck auf mich. Sie war eine imposante Erscheinung: groß, mit einem ergrauenden, festen Knoten auf dem Kopf. Mit ihren fünfzig Jahren hatte ihr Körper die Form einer Kartoffel angenommen. Aber das muss ich gerade sagen… Mit meiner zentimeterdicken Make-up-Schicht, blutroten Lippen, violettem Lidschatten und übertrieben geschwungenen Wimpern sehe ich aus wie Schneewittchen höchst persönlich. Aber diese aufgepinselte Schönheit scheint genau das zu sein, was auf dem Heiratsmarkt en vogue ist. Wen interessiert also mein wahres Ich?

Während unseres Gesprächs hatte sie zumindest vorgetäuscht, dass sie meine Vorzüge besser kennenlernen möchte. Zudem klärte sie mich über meine ehelichen Pflichten auf. Ich soll mir die Zuneigung eines Mannes durch mein Aussehen und gefällige Umgangsformen verdienen. Ich müsse unterwürfig sein, gehorsam, liebenswürdig und meinem Mann stets beipflichten. Das kann er sich abschminken! So, wie ich mich übrigens wieder abschminken kann… Unser Gespräch verlief nämlich nicht ganz wie geplant. Die Fragen rissen nicht ab und die Kommentare über meine Herkunft und meine Eltern wurden immer herablassender. Ich müsse mich für meinen Namen schämen und sollte froh sein, wenn mich jemand bei meinem schmächtigen Körperbau und meiner fragwürdigen Herkunft überhaupt zur Frau will. Ich bin Sage Fowler und ich werde meinen Namen nicht verleugnen! Wutentbrannt verließ ich schließlich die Räumlichkeiten der Kupplerin. Draußen stürmte ich an meiner Tante vorbei und machte mich in meiner lächerlichen Garderobe zu Fuß auf den Weg nach Hause.

 

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