Stille deine Sehnsucht

Vertrauen und Verrat: Der Beginn meiner Lehre

„Wir wissen beide, dass du nicht verkuppelt werden kannst, wilde Sage.“ Da hatte die Kupplerin zur Abwechslung mal recht. Nach dem Treffen hätte man mich nicht einmal mit einem Teller Kekse verkuppeln können. Ich war so sauer auf diese Frau, die es gewagt hatte, mich und meine gesamte Familie zu beleidigen. Ich wollte nur noch weg!

Als ich schon drauf und dran war meine Sachen zu packen und meine Familie und diesen verfluchten Ort hinter mir zu lassen, überkamen mich plötzlich Zweifel. Mir wurde bewusst, dass auch meine Cousinen bald ins heiratsfähige Alter kommen würden. Anders als ich, freuten sie sich schon jetzt darauf, mit einem wohlhabenden Mann verkuppelt zu werden. Dank meines Wutausbruchs bei der Kupplerin stehen ihre Chancen nun wohl eher schlecht. Meine Vernunft gewann über meinen Stolz und ich machte mich auf den Weg zu Mistress Rodelle, um mich zu entschuldigen. Zu meiner Überraschung hatte sie mich bereits erwartet. Aus unerfindlichen Gründen schien ihr meine widerspenstige Art imponiert zu haben. Tatsächlich offenbarte sie mir, dass es von Anfang an ihr Ziel war, mir zu demonstrieren, wie sehr mir das Verkuppeln widerstrebt. Sie hatte nie vor, mich jemandem unterzuschieben. Stattdessen wollte Mistress Rodelle, dass ich sie mit meinem scharfen Verstand und Ehrgeiz bei der Kuppelei unterstütze. Verrückt, oder? Was soll ich sagen, sie war ziemlich überzeugend und jetzt… jetzt bin ich ihr Lehrling!

Je mehr ich über Kupplerinnen und ihre Macht erfuhr, umso überzeugter war ich, dass sie heimlich das Land regierten. Arrangierte Ehen zwischen reichen und einflussreichen Familien garantierten nicht nur die Sicherheit junger Mädchen, sondern auch die der politischen Machtstrukturen innerhalb Demoras. Als angehende Kupplerin widerstrebte es mir zunächst, den ahnungslosen Kandidatinnen nachzustellen und ihre Eigenarten zu beobachten. Mittlerweile habe ich eine regelrechte Leidenschaft entwickelt, alles über den Charakter, das Auftreten und Äußere der Bewerberinnen in Erfahrung zu bringen. Alle meine Beobachtungen landen in meinem Notizbuch. Hinter diesem Ledereinband schlummern Schlussfolgerungen, mögliche Partien und brisante Einblicke in das Leben und Wesen der High Society Demoras. All das wird seinen Höhepunkt beim Concordium finden. Fünf Monate hat die Auswahl der Kandidatinnen für die Vermittlung gedauert und in wenigen Wochen wird sie stattfinden, die größte Zusammenkunft heiratsfähiger Mädchen aus ganz Demora.

Wir reisen in Planwagen. Die demoranische Armee hat uns eine Eskorte zur Verfügung gestellt, die uns auf der beschwerlichen Reise zum Concordium begleiten soll. Es kann selbstverständlich nicht schaden, eine so wertvolle Fracht aus hübschen, wohlbetuchten Mädchen und großzügigen Mitgiften unter zusätzlichen Schutz zu stellen. Darnessa meint, es würde unserer Sache dienen, wenn ich meine Beobachtungen als eine von ihnen im Verborgenen fortführe. Ich spiele also pflichtbewusst die Rolle der schüchternen Tochter aus Adelskreisen und darf leider erst auf unserem Rückweg wieder Hosen tragen.

 

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